
verfasst am 7.September 2022
Am Anfang war das Ei. Und es trug eine Welt in sich, die man von außen sehen konnte.
Das Ei war zerbrechlich. Deshalb hatte man es in einen kleinen Käfig aus Glas gestellt und auf grünes Tuch gebettet, das ein bisschen wie Gras aussah und worauf es sicher ruhte.
Eines Tages brach eine Scheibe heraus, so dass eine Seite nun ungeschützt war.
Das betrübte die schöne Prinzessin Li, in deren Besitz es war, zunächst sehr.
Als sie aber bemerkte, dass es seine Form und Farbe behielt, befreite sie es auch vom restlichen Glas. Ungeschützt war es nun noch viel schöner anzusehen, und man konnte sich nähern und alle kleinen Details noch deutlicher betrachten, in all ihrer Perfektion.
Die Prinzessin begann, sich mit dem Ei zu vergleichen und beschloss, sich von ihrem eigenen Käfig zu befreien, in dem sie sich gefangen fühlte. Zwischen ihr und der Außenwelt gab es nun keine Wand mehr, und sie liebte den Kontakt mit Menschen aus dem einfachen Volk.
Nach vielen Jahren, in denen man sie bewunderte und nie berührte, so wie sie es mit dem Ei auch hielt, begann sich eine Staubschicht auf das Ei zu legen, die seine Welt und die Farben verblassen ließ.
Als Li’s Leben in hohem Alter endete, öffnete man ihr zu Ehren das Ei. Und es gab eine große weiße Seele frei. Nun wussten die Leute, was sie durch ihr Abstandhalten an Wunderschönem versäumt hatten.