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Im Buddhismus und anderen Religionen wird oft auf die Kraft des Verzeihens hingewiesen. Wir finden es im abendländischen Denken z.B. im dritten Buch Mose als ein Gebot der Tora, wo es wörtlich heißt:
„An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin JHWH.“ – (Levitikus 19,18).
Jesus von Nazareth hat dies als Verzicht auf Gegengewalt ausgelegt, um die Schöpfung zu erhalten und zum „Entfeinden“ aufgerufen.
Heutzutage wird der Inhalt oft unzureichend verkürzt auf „Liebe deine Feinde“.
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Und tatsächlich lässt sich eine Menge (Psycho-)Ballast abwerfen, wenn man es schafft, einen Schlusspunkt zu setzen, der den Beteiligten einen Neuanfang ermöglicht, indem man die alten Schuld-Zuweisungen nicht ewig im Vordergrund des Denkens belässt. Verzeihen und daran glauben, dass sich alles bessern lässt, wenn man sich einander erklärt hat, sich verständlich gemacht hat, befreit erheblich von der Last des erfahrenen Schmerzes. Jedoch ist dies durchaus eine Vertrauens- bzw. Glaubensfrage. Man muss es sich und dem anderen auch zutrauen, dass sich die Beziehung so ändert, dass das Erlittene sich nicht wiederholt. Dazu meine ich, ist das Mittel der Wahl mal wieder der Dialog, und je mehr davon, desto besser kann es laufen.
Nun gibt es aber solch schreckliche Verletzungen seelischer Art, dass Verzeihen schon fast so etwas wie eine Zumutung darstellt, ein aufgenötigtes Unterdrücken eigener Gefühle, die dem Missetäter oft das gleiche Unglück wünschen, das er anderen zugefügt hat. Wo Lieblingsmenschen gequält und ermordet werden, ist es nicht verwunderlich, wenn der Ruf nach der Todesstrafe laut wird.
An dieser Stelle meine ich, dass es einen Kompromiss zwischen Verzeihen und Rache gibt: die Gnade bzw. Begnadigung. Im Gegensatz zum Verzeihen wird da nichts aufgenötigt, was mit den eigenen Gefühlen nicht in Einklang zu bringen ist. Sie hat aber einen ganz entscheidenden Vorteil: Gnade erzeugt in demjenigen, der den anderen begnadigt, so etwas wie ein Machtgefühl: Ich habe die Macht, Gnade walten zu lassen, obwohl du meine Seele zerrissen hast. Aber ich bin dir gegenüber eben nicht ohnmächtig ausgeliefert, wie es beim Verzeihen(-“Müssen“) scheinbar oft noch andauert. Nein, jetzt bestimme ich über mein seelisches Wohlbefinden. Und das lässt sich sowohl mit der Vernunft als auch den Gefühlen vereinbaren. Es gibt mir das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, du trägst nicht den Triumph über mein Leben davon. Stattdessen wirke ich auf das deine ein, in angemessener Weise.
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Gnade schließt Konsequenzen nicht aus, jedoch werden diese dann nicht von den Gefühlen dominiert, sondern von Vernunft. Es ist definitiv vernünftig, Rachegefühle nicht auszuleben, obwohl viele Menschen die Stärke dieser Gefühlsart kennen. Rache trifft immer auch die Falschen, verursacht Kollateralschäden. Vollkommen unschuldige Unbeteiligte können dabei mit „draufgehen“, da wir immer in ein soziales System eingebunden sind. Für nahezu jeden Menschen findet sich jemand, der ihn vermisst, auch weil nahezu kein Mensch nur böse oder schlecht ist.
Noch dazu geschieht nichts ohne Grund. Auch die Straftäter haben eine Vorgeschichte. Mit der Arbeit, diese zutage zu bringen, stellt sich oft genug heraus, dass es vielleicht nie zu einer schrecklichen Tat gekommen wäre, hätte man sich vorher die Mühe des Verstehens gemacht. Ja, es klingt naiv, und gerade bei Taten, die durch den Sexualtrieb gesteuert werden, müssen auch physiologische Seinszustände betrachtet werden.
Der Sinn aller Überlegungen zu Strafen besteht vor allem darin, dass dem bösen Verhalten ein Ende gesetzt wird, dass es sich nicht weiter wiederholen kann. Für dieses Vorhaben ist Vernunft sicher der bessere Ratgeber. Die Entscheidung zu Gnade ist ein Vernunft-Ding und somit zu dem gehörig, wozu der Mensch wie keine andere Tierart befähigt ist!
Noch dazu wirkt Gnade-Ausüben auch positiv auf die Gefühswelt zurück, weil es der eigenen durch die Untat erfolgten Diskriminierung etwas entgegensetzt. Ein gnädiger Mensch steigt wieder auf in der Hierarchie, kann seinen eigenen Platz in der Gesellschaft, wenn auch verändert, wieder einnehmen, wenn nicht sogar erhöhen.
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Wie sollen Konsequenzen aussehen?
Sie dürfen auch den/die TäterInnen nicht (weiter?) erniedrigen und so die Chance auf Besserung vereiteln. Stattdessen ist es eine Aufgabe (für alle), sie in einen sachlichem Bezug zur Tat zu setzen: Wer ein Haus niedergebrannt hat, baut es wieder auf, wer gemordet hat, muss zumindest indirekt für die Lebensrettung anderer aus der Gruppe der Opfer zum Einsatz kommen. Das sind Strafen der Gnade. Der Begnadigende kann das konstruktiv Entstehende dann als sein eigenes Werk betrachten, seine Wirksamkeit. Auf der anderen Seite erfährt der Begnadigte einen anderen, ebenfalls selbstwirksamen Zugang zum Sozialleben, die sogenannte psychosoziale Rehabilitation wird ermöglicht. Man könnte dabei durchaus von einem win-win sprechen.
Niemals sollte dabei der Dialog ausgelassen werden, wozu ja auch Mittelsmänner und -frauen eingesetzt werden können. Er ist einfach zu wichtig dafür, überhaupt verstehen zu können.
Mensch möchte Feinden eigentlich nie mehr im Leben begegnen. Gnade hilft jedoch, sich ihnen nicht unterlegen zu fühlen, wo Verzeihen aufgrund der Schwere der Verletzungen einfach nicht möglich ist und vielleicht auch niemals möglich sein wird. Steht es nicht sogar in der Bibel, dass es mindestens drei Generationen braucht, um nach einem Krieg wieder halbwegs wertungsfrei miteinander umgehen zu können?
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Güte, Mitgefühl und Verständnis für den Gegner, wie sie auch in der Meditation der liebenden Güte geübt werden, lassen sich leichter verwirklichen, wenn man ihnen die Macht der Gnade zur Seite stellt, mit passenden Begleitmaßnahmen wie oben aufgeführt.