
Die Geschichte von den Adventswichteln
eine Adventskalender-Geschichte in 24 Häppchen
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Irgendwie muss ich mich verlaufen haben. Ich erinnere mich noch, dass ich Mäxchen in den Kindergarten und Giselle ins Krankenhaus gebracht habe. Ich machte mir Sorgen, weil doch ihr Fieber so hoch war und sie sich ganz schlecht fühlte. Wie sollte ich Mäxchen darauf vorbereiten, dass Mama vielleicht länger dort bleiben müsste? Darüber wollte ich auf dem Rückweg nach Hause nachdenken. Na, und dann?
Ich bin gar nicht mehr auf dem Weg, den ich nehmen wollte. Wo geht es jetzt weiter? Die Straße, auf der ich mich befinde, ist rechts und links mit kleinen, bunten Häusern gesäumt. In vielen Fenstern stehen Kerzen oder Leuchter. Die Adventszeit ist angebrochen und die Leute haben ihre Heime schon festlich mit Tannengrün, Engeln und Krippenfiguren geschmückt. Das sieht sehr gemütlich aus. Und doch möchte ich eigentlich nach Hause finden.
Ich beschließe, jemanden zu fragen. Auf der Straße ist gerade niemand. Also klingele ich an der nächsten Tür, an der ein schöner Kranz aus Tannenzweigen und Misteln und einem Schildchen darauf befestigt ist. Darauf steht „Willkommen! „.
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Die Tür geht auf. Ein Geruch nach Bratäpfeln und Spekulatius empfängt mich. Ich wage es noch nicht einzutreten. Wo sind Dame oder Herr des Hauses, die mich hereinbitten? Ich kann schon in einen schönen großen, gemütlich wirkenden Raum blicken, aber weit und breit ist niemand zu sehen.
Auf einmal höre ich eine Art Plätschern, ganz leise. Und dann sehe ich sie: Unten an der Tür stehen mehrere winzig kleine Wichtelchen, alle mit roten Mützchen, die mir wohl etwas sagen wollen, denn ihre Gesichtchen sind mir zugewandt und ihre kleinen Münder scheinen sich zu bewegen. Sie sind kaum größer als der Spalt zwischen unterer Türkante und Boden, und ihre Stimmen klingen ganz zart. Ich beuge mich zu ihnen hinunter, um sie verstehen zu können, doch leider wird das Plätschern kaum lauter, ich kann kein Wort enträtseln. Sie scheinen mich hineinbitten zu wollen, denn auf einmal nehmen sie in einer Reihe Aufstellung und weisen mit ihren linken Armen in den Innenraum hinein, es wirkt wie eine Einladung.Vorsichtig hineinlugend nehme ich diese an und wage es einzutreten.
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Mein Eindruck von außen wird bestätigt. Im Raum sind nur ein altmodisches Sofa und ein kleines Tischchen aufgestellt, dafür hängen aber viele Bilder an der Wand, meist Landschaftsbilder mit Bauten, Schiffen oder Fahrzeugen, aus denen dem Betrachter kleine rote Punkte entgegen schimmern. Noch bevor ich mir eines genauer ansehen kann, wirbeln auf einmal die kleinen Wichtelchen vor mir her, zusammengeballt wie eine Staubflocke, die man vor sich her pustet. Sie durchqueren den Raum in Richtung Küche, deren Tür weit offen steht und die sie jetzt passieren. Der Bratapfelduft ist verlockend, ich folge ihnen und bemerke, dass der Ofen, durch dessen Glastür man einen sehen kann, noch angeschaltet ist. Gerade als ich mich nähere, macht es Kling und sein Licht geht aus. Die Wichtelchen haben nun einen Kreis gebildet, indem sie sich bei den Händen fassen und wirbeln wie ein Hurricane nach oben auf die Arbeitsplatte neben dem Ofen. Dort nehmen sie wieder ihre Anfangsformation ein: in einer Reihe aufgestellt weisen ihre Ärmchen diesmal in Richtung Ofen. Es wird wohl richtig sein, den Bratapfel herauszunehmen, denke ich mir, und greife zu den Topfhandschuhen neben der Backröhre. In der Mitte der Küche steht ein großer Tisch, auf dessen Mitte sich ein hübscher Keramikteller mit goldglitzernden Sternen befindet. Darauf platziere ich den Apfel, dessen Duft mir wirklich betörend in die Nase steigt. Wo sonst könnte er besser hinpassen? Nun erscheinen auch die Wichtel daneben. Ihre Mützchen haben sie zu einer Art Gleitfliegeschirm verwandelt und segeln damit einer nach dem anderen von Arbeitsplatte zu Tisch, bis schließlich alle neben dem Teller versammelt sind.
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„Soll ich den Bratapfel anschneiden?“ frage ich leise, denn ich habe Angst, dass zu heftige Schallwellen sie vom Tisch pusten könnten. Ihr Nicken bestätigt mein Vorhaben und ich begebe mich auf die Suche nach Messer und Gabel. In der 5. Schublade unter dem Arbeitstisch schließlich werde ich fündig. Dort ist auch fein säuberlich eine Art Puppengeschirr eingeordnet, winzige Tellerchen und Becher, die zweifellos für die Wichtel gedacht sind. Die nehme ich also auch heraus und platziere sie auf dem großen Tisch rund um den Bratapfelteller herum, was die kleinen Wichtelchen veranlasst, freudig zu springen und durcheinander zu hüpfen, bis schließlich jeder einen Sitzplatz findet, mit einem Tellerchen vor sich. Es geht genau auf. Jetzt ist meine Feinmotorik gefragt, denn den Bratapfel in so kleine Stückchen zu zerteilen, dass sie auf ihre winzigen Teller passen, erfordert meine ganze Geschicklichkeit. Es gelingt mir, den halben Apfel in einen Haufen gestapelter Wichtelhappen zu verwandeln. Die andere Hälfte teile ich nochmals, so dass ich als normal großes Menschenwesen ein ganzes Viertel dieser Köstlichkeit für mich beanspruchen kann.
Kurz bricht totale Stille über uns herein, nicht einmal das zarte Plätschern ihrer Unterhaltung ist mehr zu vernehmen. Dann schließlich beginnt einer zu essen, und so traue auch ich mich an mein Teil.
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Es dauert nicht lange, meinen Bratapfel-Anteil zu verzehren, obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben habe, für mich winzig erscheinende Bissen abzuknabbern, damit ich nicht zu schnell fertig werde. Und wer weiß, ob das letzte Viertel nicht auch noch aufgeteilt werden sollte?
Kaum bin ich jedoch fertig, da beenden die Wichtel ihr Mahl und erheben sich zu einem Buchstabentanz: rasend schnell formen sie Figuren, die eindeutig lesbar sind für mich. Zeichen für Zeichen ergibt sich folgende Botschaft: „Nun hast du dich genug gestärkt. Hilfst du uns jetzt, die Geschenke für die Kinder in unseren Schlitten zu laden? Wir wollen sie doch noch pünktlich vor Nikolaus abliefern.“
„Wo ist denn euer Schlitten?“ flüstere ich und erhalte als Antwort den nächsten Tanz:
„Draußen vor der Tür. Und die Geschenke sind im großen Raum.“.
„Der mit den Bildern?“ wundere ich mich, „Da war doch gar nichts.“
„Wie blind du bist!“ tanzen sie, und ihr Ausrufezeichen sieht ganz entzückend aus.
„Die Bilder sind doch die Geschenke.“.
Ja, darauf hätte ich auch kommen können.
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Wir, die Wichtel und ich, begeben uns also zurück in den Eingangsraum. Noch stehe ich ein bisschen hilflos rum und weiß nicht, wie und wo ich anfangen soll. Aber die Wichtelchen sind gute Anweiser. Sie beginnen bei einem Bild ganz rechts, um das herum sie im Kreis fliegen, eigentlich mehr in einer Ellipse, die geometrisch nicht ganz korrekt wirkt. Jedoch glaube ich zu wissen, was gemeint ist: Ich trete an das Bild heran und verweile kurz, um es zu betrachten. Ein Fahrrad ist darauf abgebildet, dass allein eine Almwiese hinunter zu fahren scheint. Jedenfalls entdecke ich keinen Fahrer darauf, bis ich den winzigen roten Punkt auf diesem Bild genauer ansehe. Das ist doch .., ich nehme meine Brille ab um sie zu putzen und setze sie wieder auf. Ja tatsächlich: der kleine rote Punkt ist die Mütze eines Wichtelchens, der mitten auf der Lenkstange sitzt und wohl das Fahrrad im Gleichgewicht hält. Putzig! Gerade will ich mir das Bild daneben genauer ansehen, das mit dem Ruderboot und erkunden, ob der kleine rote Punkt auch dort .. Aber schon steigern die fliegenden Wichtel ihr Tempo um das Fahrradbild, das sie jetzt wohl haben wollen, und so versuche ich, es abzuhängen. Es geht leichter, als ich dachte. Kaum habe ich es in den Händen, formieren sich die Kleinen zu einer Wolke, die pfeifend und schnell wie ein Düsenflugzeug zum Sofa fliegt, wo sie sich auf und ab bewegt. Soll ich das Bild darauf ablegen? Etwas anderes fällt mir nicht ein, also mache ich das. Irgendetwas scheint den Wichteln aber daran nicht zu passen, denn jetzt stürzen sie nach unten auf den rechten und den linken Rand des Bildes zu, um danach in einem Bogen nach oben abzudrehen. Aufstellen? Soll ich es auf dem Sofa hinstellen, auf seine Kante? Ich versuche es. Ja, jetzt scheinen die Kleinen zufrieden zu sein, denn sie fliegen zum nächsten Bild, dem mit dem Ruderboot.
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Auch dieses Bild sieht bei näherer Betrachtung so aus, als würde das Boot ganz allein auf einem großen See treiben, vielleicht auf dem Königssee mit der gebirgigen Umgebung? Und dann entdecke ich auch dort einen winzigen roten Punkt auf der Ruderbank, die Mütze mit ihrem Wichtel darunter. Ein Ruder ist nicht zu entdecken, aber das Männlein sitzt mit dem Rücken zur Bootsspitze und scheint nach hinten zu pusten. Eine Art Düsenantrieb? Ich habe keine Zeit, meine Gedanken dazu schweifen zu lassen, denn wieder bilden die Wichtelchen die pfeifende Wolke, die zum Sofa fliegt. Also mache ich es genauso wie vorher: Ich nehme das Bild von der Wand, und lehne es, nun gleich senkrecht aufgestellt, an das andere Bild. Die Wichtel scheinen zufrieden.
Eine ganze Weile beschäftigen sie mich mit dieser Aufgabe. Ein Bild nach dem anderen findet nun seinen Platz auf dem Möbelstück, das sich immer mehr füllt. Bilder mit Burgen, ein Flugzeugbild, eins mit einem Kamel in der Wüste. Auf meinen ersten Eindruck hin waren die Wichtel an jedem Ort der Welt. Ja, auch eines mit Pinguinen ist dabei, die der rote Punkt anzutreiben scheint, ganz wie der Wichtel auf einem anderen Bild, der eine Schafherde auf hügeligem Weideland vor sich hat. Und selbst im Ohr eines Eisbären lässt sich der rote Punkt finden. Ich frage mich, ob sie irgendwo nicht zu finden sind..
Nun, da das Sofa fast voll ist, aber erst etwa die Hälfte der Bilder abgehängt, ändert sich der Wichtelwolkenkurs in Richtung Wohnungstür. Nun bin ich aber gespannt, wo ihr Schlitten stehen soll.
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Ich öffne die Wohnungstür, die vorher unbemerkt ins Schloss gefallen sein muss, und blicke auf die Straße. Erster Schnee ist gefallen, und die kleinen eher niedlich wirkenden Häuser sehen aus, als hätte jemand Puderzucker über sie gestreut. Vor der Tür steht er, ein Schlitten, den ich vorher noch nicht gesehen habe. Er hat Platz für die Bilder, stelle ich fest und ruht auf Kufen. Dabei ist er tiefer gelegt, als ich es von jedem Sportwagen kenne. Und vorn, ja also vorn, da ist gar nichts. Kein Pferd, kein Rentier, nichts das ihn ziehen könnte und auch kein Motor oder irgendetwas anderes, das ihn schieben könnte. Die Wichtelchen betätigen sich wieder als fliegende Wegweiser, die schließlich über dem Schlitten schwebend eine Art Dach bilden. Ich seufze, denn es ist wohl meine Aufgabe, all die Bilder in den Schlitten zu stapeln, das wird eine ganze Menge Arbeit, aber ich habe ja versprochen zu helfen. Nach dem zehnten Bild, etwa die Hälfte der auf dem Sofa abgestellten, muss ich verschnaufen. Dann wage ich, die Schlittendachwichtel leise anzusprechen: „Wie wollt ihr denn mit dem Schlitten vorwärts kommen? Da ist doch kein Pferd oder etwas anderes, das ihn zieht!“. Sofort schießen einige Wichtelchen herunter auf den Sitz und tanzen dort wieder ihre Antwort, indem sie Buchstaben formen: „Lass´ das unsere Sorge sein. Wir schaffen das!“. Dann muss ich weiter rackern, für die Kinder, so haben sie es mir ja erklärt, und das hält mich am Laufen.
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Nachdem die erste Sofaladung verstaut ist, muss ich noch die restlichen Bilder abhängen und die ganze Fracht aufladen. Dann sinke ich erschöpft auf eine kleine Bank an der Hauswand. Auch die schien aus dem Nichts aufgetaucht, denn ich hatte sie vorher gar nicht bemerkt. „DANKE !“ formen die Wichtelchen. Und dann werde ich Zeuge eines wundersamen Schauspiels:
Alle Dachwichtelchen fliegen unter den Boden des Schlittens und ballen sich dort zu mehreren Kugeln zusammen. Ob sie nun größer geworden sind, oder ich mir die Kugeln hohl vorstellen muss, kann ich nicht wirklich erkennen. Auf jeden Fall heben sich die Kufen nun plötzlich vom Boden ab, und der Schlitten wiegt sich hin und her auf den vermeintlichen Rollkugeln, so als würden die kleinen Kerlchen sich noch nicht einig sein, wie sie das Gefährt vorwärts bewegen können.
Meine Buchstabentänzer sind noch an einer freien Stelle neben den Bildern versammelt, und so nutze ich die Anlauf-Phase für eine letzte Frage, die mir im Kopf herumgeht:
„Sagt Wichtelchen, meint ihr denn, die Kinder werden sich an den Bildern freuen? Die meisten hätten doch lieber ein Spielzeug, oder?“.
„Wie dumm du bist,“ tanzen sie frech, „die Bilder sind doch ein Spielzeug für sie. Sie wissen schon, wie sie damit spielen können. Hast du nicht auch einen kleinen Sohn?“.
„Ja,“ antworte ich, verwundert darüber, dass sie das wissen.
„Und wie alt ist er?“.
„Dreieinhalb Jahre.“ gebe ich Auskunft.
„Na, dann wirst du es ja selbst erleben. Warte einfach den Nikolaus-Tag ab. Bis dahin haben wir alles ausgeliefert. Dann brauchst du deinem Söhnchen nur zusehen. Er wird dir schon zeigen, wie das geht. Und nun tschüss, wir müssen los.“ Und noch ehe ich etwas sagen kann, startet der Schlitten durch und saust die kleine Gasse hinauf davon.
„Auf Wiedersehen!“ rufe ich noch hinterher, aber schon sind die Winzlinge und ihr Schlitten außer Sichtweite, und ich zwicke mich nochmal in die Wange, um festzustellen, ob ich nicht doch nur geträumt habe.
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Am Nikolaustag ist es dann so weit. Mäxchen hat am Tag zuvor seine Stiefel geputzt und vor die Tür gestellt. Und zur Sicherheit – „Kommt der Nikolaus auch ganz bestimmt, Papa?“ – haben wir noch mehrere frisch gewaschene Socken an einer Leine über unserem Kamin aufgehängt, direkt über dem Ablage-Board. Sogar die Oma hat ihre noch nicht zuende gestrickten dazu geklammert. Man kann ja nie wissen, ob es auch für uns alle genug Äpfel geben wird. Unsere sind ja gerade ausgegangen.
Oma ist als erste wach, so wie eigentlich immer. Sie klopft an unsere Tür, um uns aufzuwecken. „Im Wohnzimmer klingelt es andauernd. Ich glaube, der Nikolaus war da.“ ruft sie lauter als nötig, denn nicht unsere, sondern ihre Ohren hören schon nicht mehr so gut. Mäxchen ist sofort hellwach und beeilt sich: „Komm Papa, vielleicht sehen wir ihn noch.“. Er eilt voraus, an Oma vorbei, die noch auf mich wartet. Ich muss den bleiernen Tiefschlaf noch von mir schütteln, dann gesellen wir uns zu unserem Sprössling.
Vom Nikolaus selbst ist keine Spur zu sehen, aber mein Blick auf das Kaminsims verrät mir, dass die kleinen Wichtel dagewesen sein müssen. Neben den ausgebeulten Socken, die reichlich mit Äpfeln und Süßchen gefüllt zu sein scheinen – jedenfalls gucken ein paar rot-weiß gestreifte Zuckerstangen keck über den Rand, steht ein Bild, darauf abgebildet ist ein leeres Indianer-Kanu, das sich seinen Kurs auf einem Wildwasserbach zu bahnen scheint. Ich stelle es hinunter und lehne es an die Wand, so dass auch Mäxchen es genau betrachten kann. „Ich glaube, das ist für dich.“ meine ich zu ihm. Oma meint noch „Oh wie schön, es erinnert mich an einen Ausflug von Opa und mir, als wir noch ganz jung waren.“. Ungewöhnlich still und konzentriert blickt auch unser Kleiner auf das Motiv. „Schau, da ist ein roter Punkt.“ grinst er uns an, und ehe wir uns versehen gleiten seine kleinen Hände über das Bild, als wolle er es streicheln, und schließlich drückt er mit dem Zeigefinger genau auf den Punkt.
Was jetzt geschieht, können wir alle nicht fassen. Der Punkt mitsamt dem Wichtelchen, das darunter natürlich auch abgebildet war, springt aus dem Bild auf Mäxchens Schulter und flüstert ihm etwas ins Ohr. Er scheint es mühelos zu verstehen. Zu uns gewandt übersetzt er: „Ich darf mir etwas wünschen, ja.“ und hocherfreut wiegt er sich hin und her und sagt schließlich: „Ich wünsch mir, dass Mama gesund wird und ganz schnell wieder aus dem Krankenhaus kommt.“. Daraufhin fliegt der kleine Wichtel mit einem Pfeifgeräusch, wie ich es schon kennenlernen durfte, davon und lässt uns mit dem Bild – nun ohne den roten Punkt – und den gefüllten Socken zurück.
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Heute ist Montag, gestern kam der Nikolaus und gerade habe ich einen Anruf bekommen, der diesen Tag besonders schön werden lässt. Mäxchen habe ich bereits in den Kindergarten gebracht, und jetzt, kaum eine Stunde zuhause, heißt es aus dem Krankenhaus: „Ihre Frau hat die Infektion überstanden. Sie können sie jetzt abholen kommen.“. Natürlich zögere ich keinen Moment, sage Oma noch Bescheid, und dann nehme ich ein Taxi zum Hospital. Giselle wartet schon in der Cafeteria auf mich, mit gepackten Taschen.
„Die können einen hier gar nicht schnell genug raus werfen,“ lächelt sie mich an, „wahrscheinlich brauchen sie jedes Bett.“. Wir umarmen uns lange, obwohl allgemein davon abgeraten wird, dann fahren wir nach hause.
„Oh wie schön ihr dekoriert habt.“. Sofort fallen ihr die Strümpfe über dem Kamin auf, nun schon halb geleert. Und auch das Bild erblickt sie sogleich.
„Was ist das denn? So etwas hatten wir ja noch nie. Ein Kanu, ein Wildwasserbach, man kann ihn fast rauschen hören. Aber keine Menschenseele ist darauf zu sehen. Wer hat uns das denn geschenkt?“.
„Ein paar Nikolaus-Wichtel.“ höre ich mich sagen und gleich darauf ihr „Aha“ in leicht zweifelndem Ton.
Ich will nun ansetzen, ihr unsere Begegnung mit dem Wichtel zu erzählen, was schwierig sein wird, denn jetzt ist er ja nicht mehr auf dem Bild, sondern mitsamt seinem roten Mützchen verschwunden. Oma kommt mir zu Hilfe: „Giselle, da kam ein Wichtel aus dem Bild, als Mäxchen den roten Punkt berührte.“
„Aha?“. Diesmal klingt sie etwas verwunderter, und Oma fährt fort: „Ja, und dann hat er sich etwas wünschen dürfen, und wünschte sich, dass du gesund bist und aus dem Krankenhaus kommst.“.
Ich nicke und bekomme leicht feuchte Augen, vor Glück. Dann komme ich nicht umhin, ihr noch den Rest zu beschreiben: „Das Wichtelchen ist dann ganz schnell herausgeflogen, und heute schon bist du bei uns. Das ist so schön!“. Diesmal nickt Oma dazu, obwohl sie bestimmt nicht jedes Wort verstanden hat. Sie schlurft in die Küche: Ich mache euch erst einmal einen schönen warmen Kakao. Und Hühnersuppe zum Stärken habe ich auch da.“.
„Komm, Giselle, zu dem Wichtelchen muss ich dir noch etwas erzählen. Das glaubst du nie.“
Jetzt nickt meine liebe Frau und wir gehen ohne weitere Worte in die Küche, wo ich ihr, so gut ich es erinnere, von meiner ersten Wichtelbegegnung vor dem Nikolaustag berichte.
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Am Nachmittag holen wir zusammen Mäxchen ab. Der ganze Kindergarten ist in Aufruhr, denn wie wir schnell mitbekommen, waren die Nikolauswichtel auch bei den anderen Kindern zu Besuch. Der Erzieher, Herr Blom, informiert uns, dass alle Kinder beim Morgenkreis etwas sehr Ähnliches erzählt haben. Offenbar hat jedes von ihnen irgendein Bild bekommen, worauf offenbar immer ein roter Punkt mit Wichtel zu erkennen war. Und danach hätten sich die Kinder gestritten, weil die einen behaupteten, der Wichtel sei aus dem Bild gekommen und hätte sie etwas wünschen lassen, während die anderen, bei denen das nicht der Fall war, das für Quatsch hielten. Und er, Herr Blom, hätte dann den ganzen Vormittag damit verbracht, die Kinder wieder zu beruhigen und von den Streitereien abzulenken. Jetzt aber, wo sie nach und nach abgeholt werden, berichten die Kinder wieder ganz aufgeregt von diesem Tag, und was die anderen gesagt hätten.
Giselle und ich gehen jetzt Mäxchen suchen. Im Garten schließlich finden wir ihn. Er schießt auf uns zu und fliegt seiner Mutter in die Arme. „Mama! Da bist du ja wieder. Ich hab´ mir so gewünscht, dass du wieder kommst.“.
„Das hast du gut gemacht!“ lobt sie ihn, und ich füge hinzu.
„Komm jetzt, Max, ich nehm´ dich Huckepack, damit Mama nicht gleich wieder zusammenbricht.“.
Wir verabschieden uns noch von Herrn Blom, ich raune ihm zu, bei uns habe sich ein Wunsch erfüllt. Dann lassen wir den Trubel hinter uns und gehen glücklich nach Hause.
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Am nächsten Kindergarten-Tag kommt Bert Blom (so heißt Herr Blom mit ganzem Namen) nicht aus dem Staunen heraus: Gleich nach dem Begrüßungslied beim Morgenkreis, kräht Lina, 5 Jahre alt (und offenbar eine angesehene Autorität unter den Kindern): „Jetzt will ich aber wissen, warum bei mir kein Wichtel aus dem Bild kam und bei Reni nicht und den anderen Jungs auch nicht.“. Es entspinnt sich eine Diskussion, die Herr Blom den Eltern am liebsten aufnehmen würde, aber er macht sich nur ein paar Notizen. Mäxchen, der sonst eher schüchtern ist, meldet sich sofort: „Ich, also ich habe den Wichtel angefasst, auch die Mütze. Die sah so schön aus.“.
„Ja, ich habe auch auf die Mütze gezeigt.“ stimmt Didem mit ein und Lotte ergänzt . „Die war so rot, so knallebunt rot.“. „Jaaaa.“ bestätigt nun noch Märte und lümmelt sich auf dem Tisch. „Dann ist der Fall klar!“ sagt Lina bestimmt und verstehend. „Du, Bert?“. „Ja?“, er guckt von seinen Notizen auf. „Kannst du unseren Eltern sagen, wir sollen die Bilder anfassen und dass dann vielleicht ein Wichtel rauskommt?“. „Ich unterstütze euch gern,“ antwortet Herr Blom, „aber fragen müsst ihr schon selbst. Ich bin mir sicher , dass eure Eltern euch das erlauben.“. „Meine ja.“ schreit Micha, und Reni zuckt nur mit den Schultern und wackelt mit dem Kopf hin und her.
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Noch einen Tag später berichten die Kinder ihre neuesten Erlebnisse:
„Bei mir kam der Wichtel, wutsch! Und dann habe ich mir einen Baukran gewünscht.“ sagt Kalli. Jetzt nicken alle, denn offenbar ging es bei allen sehr schnell, nachdem sie auf die rote Wichtelmütze gedrückt hatten.
„Aber bei mir,“ gibt Reni kund, „bei mir ist der Wichtel weggeflogen und dann lag da auf einmal dieser Kamm, mit Perlen.“. Nun sind lauter Oohs und Aahs zu hören, die noch lauter werden, als Reni den Kamm aus der Tasche zieht.
„Aber das hab´ ich doch gewünscht.“ schaltet sich Lina ein, „Ich hab mir gewünscht, dass meine Freundin Reni zu Weihnachten einen Kamm bekommt, damit wir uns immer gegenseitig die Haare kämmen können zum Prinzessin-Spielen. Sie hat doch keinen.“.
„Es ist aber noch nicht Weihnachten!“ bemerkt Kalli. Und als Micha zu seinem Freund sagt: „Komm, wir spielen jetzt.“, denn er hat keine Lust auf das Prinzessinnen-Gequatsche, da stehen auch die meisten anderen Kinder auf und gehen in ihre Lieblings-Spielecken. Nur Reni und Lina bleiben noch am Tisch und beginnen, sich fachgerecht die Haare zu kämmen.
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Zuhause an den Abendbrottischen dreht sich das Gespräch wieder nur um die Wichtelbilder. Die Kinder löchern ihre Eltern mit Fragen: Bekommen wir dann die Geschenke zu Weihnachten? Und was, wenn nur die braven Kinder ihren Wunsch erfüllt bekommen? Werden alle etwas bekommen? Und was, wenn nicht? Die meisten Eltern versuchen zu beruhigen, obwohl sie selbst sehr gespannt und aufgeregt und ein bisschen ängstlich sind. Denn es passiert ja nicht wirklich oft, dass da einfach Wichtel aus Bildern hüpfen, ihnen selbst ist es eigentlich noch nie passiert, jedenfalls nicht so, dass sie sich daran erinnern könnten.
Nur bei Didem und ihrem Vater geht es anders zu. Didem hat eine Lieblingspuppe, die sie immer zuhause auf dem Sofa lässt, weil sie Angst hat, im Kindergarten könnte sie kaputt gehen. Als sie und ihr Vater nun nach hause kommen, sitzt die Puppe zwar immer noch auf dem Sofa, aber ihr Kopf ist unter einer Wollpudelmütze versteckt, eine mit wunderschönem Rentiermuster und einer silberweißen Bommel.
„Oh, so eine habe ich mir schon immer gewünscht.“ sagt sie und blickt ihren Vater an. „Ist die von dir? Ich hab das doch nur erzählt, als der Bert uns nach unseren Wünschen fragte.“.
„Nein, Schatz. Davon wusste ich gar nichts. Und Herr Blom war auch ganz bestimmt nicht hier. Du kannst ihn ja morgen fragen. Das ist wirklich ein Wunder.“.
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„Ja, die Mütze ist wirklich wunder-, wunderschön. Beim Wichtel habe ich an diesen Wunsch gar nicht gedacht. Da habe ich nur eine Puppe für Lina gewünscht, weil sie sagte, ihre Mutter würde ihr nie eine schenken, obwohl sie doch so gern eine hätte.“.
„Du bist ja eine ganz Liebe.“ sagt da der Vater. „Vielleicht hat das den Wichteln ja gefallen, und deshalb haben sie dir als Belohnung die Mütze dagelassen.“.
„Kann ich die morgen gleich anziehen. Papa? Die will ich den anderen zeigen.“.
„Ja kalt genug ist es ja. Aber im Kindergarten kannst du sie nur beim Spielen im Garten aufsetzen. Sonst gibst du sie lieber Herrn Blom, damit er darauf aufpasst und sie nicht wieder verschwindet.“
Didem setzt die Mütze auf und stellt sich vor den Spiegel.
„Oh toll! Ich behalte sie gleich an, ja?“.
Der Vater nickt, mit einem gutmütigen Lächeln im Gesicht und leicht versonnenem Blick auf sein Töchterlein.
als Extra vielleicht: Bastelanleitung für eine Bommel
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Diesmal ist es Lina, die ganz begeistert im Kindergarten ankommt, eine Puppe im Arm, die sie selbst beim Ausziehen der dicken Winterjacke kaum loslassen möchte. Auch im Morgenkreis muss sie neben ihr sitzen. Und dann berichtet sie, wie diese Puppe gestern, als sie nach hause kam auf ihrem Küchentisch saß, und als sie sie hochnahm, hätte sie gesagt: „Ich habe Hunger. Gib mir zu essen.“. Zum Beweis nimmt sie die Puppe jetzt hoch und dreht sie. Jetzt ist Didems Moment gekommen: „Ich habe dir vom Wichtel eine Puppe gewünscht, dafür habe ich meine Pudelmütze bekommen. Die ist so schöön.“. Alle Blicke richten sich auf Didem, die ihre Mütze noch auf haben darf, nachdem sie lange bei Herrn Blom darum gebettelt hat. Und nun schaltet sich auch Micha ein, der heimlich Didem´s Verehrer ist: „Eine Bommelmütze habe ich dir gewünscht, aber ich habe nichts dafür bekommen.“. Jeder bemerkt seinen Schmollmund und dass er ein bisschen enttäuscht ist. Herr Blom und die Kinder beginnen nun, fieberhaft zu überlegen: Wenn Reni, Lina und Didem etwas bekommen haben, aber sonst keiner, dann liegt es vielleicht daran, dass sie Mädchen sind, und besonders brav. Kalli sagt: „Und was ist mit Lotte und Märte? Die sind lieb und haben nichts. Und Lina ist gar nicht brav.“. Didem streift er nur mit einem skeptischen Blick.
„Märte, du hast wirklich nichts bekommen, oder?“ fragt Micha sie und guckt zu ihr. Sie schüttelt nur schweigend den Kopf. „Ich auch nicht,“ fügt Lotte hinzu.
„Ich weiß, ich weiß!“ ruft Kalli, und Lina ergänzt: „Ich auch.“. Dann führt er aus: „Reni hat einen Kamm bekommen, Didem eine Mütze und Lina eine Puppe. Die kamen doch alle aus den Wünschen ihrer Freunde.“. Didem guckt nun verstohlen zu Micha, der jetzt sein bestes Grinsen aufsetzt, und Lina sendet ein Lächeln zu Didem, das diese aber gar nicht bemerkt. Nun hält Herr Blom es für angebracht, sich einzuschalten und macht einen Vorschlag: „Also wenn das so ist, dass immer die Wünsche an ein anderes Kind erfüllt werden, dann brauchen wir einen Plan, damit jeder ein Geschenk bekommt.“.
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„Ich hol´ die Stifte!“ trötet Lina, die gerne malt, am liebsten in rot.
Herr Blom legt ein großes Blatt Papier auf den Tisch. Darauf malt er einen Kreis mit 8 Punkten, für jedes Kind einen. Dazwischen sind Pfeile. Dann bittet er die Kinder, ihre Namen auf kleinere Zettel zu schreiben, denn das können die meisten schon. „Komm Märte, ich helfe dir!“ sagt Lina, als sie sieht, dass die Kleine verlegen auf ihrem Buntstift kaut.
Endlich sind alle fertig, und nun darf jeder seinen Zettel auf einen Punkt legen.
Sodann beginnt eine längere Tüftelei. Der Erzieher schiebt die Zettel hin und her, und die Kinder beobachten ihn dabei fasziniert. Kalli sagt: „Gleich raucht ihm der Kopf!“. Schließlich verkündet Herr Blom laut: „Ich hab´s. Seht ihr?“:
Max´ Zettel liegt auf der 1, Kalli´s auf der 2, Micha´s auf der 3 und nacheinander folgen Didem, Lina, Reni, Lotte und Märte, von deren Namen ein Pfeil zu Max zeigt. Damit ist der Kreis geschlossen.
„Also:“ erklärt Herr Blom, und atmet erst einmal tief durch: „Micha, Didem und Lina haben schon einem anderen Kind etwas gewünscht: Micha für Didem, Didem für Lina und Lina für Reni. Deshalb sind sie so hintereinander auf dem Kreis angeordnet. Alle anderen müssen nun ihrem Kreisnachbarn noch etwas wünschen.“.
„Aber ich habe doch schon etwas gewünscht und bekommen.“ wundert sich Max.
„Ja, aber das giltet nicht.“ wirft Lotte ein. „Das war ja für keinen von uns.“.
„Stimmt!“ nickt Micha. „Du musst nochmal wünschen.“.
„Gut!“ sagt Herr Blom. „Dann wäre es doch am besten, wenn ihr sagt, was ihr euch wünscht. Und wer im Kreis vor euch steht, der wünscht ihm dann das zuhause, also z.B. Reni für Lotte, Lotte für Märte und Märte für Max. Versteht ihr?“. Herr Blom hat seinen Finger die ganze Zeit von einem Namen zum nächsten bewegt um es zu verdeutlichen.
„Ja, fangt an!“ schreit Micha, der stolz darauf ist, zu wissen wie es geht.
– 19 –
„Was wünscht du dir für dich, Max?“
„Ich wünsch mir ein Paddel-Kanu für den Sommer.“
Micha wendet sich an Märte: „Dann wünscht du zuhause also ein Paddelkanu für Max. Kannst du das?“. Märte nickt und flüstert ein kurzes bestimmtes „Ja!“.
„Und du, Kalli? Was wünscht du dir?“
„Immer noch einen Baukran!“ gibt er kund, und Micha moderiert weiter und weist auf den Kreis: „Also den muss Max dir jetzt wünschen, klar Max?“. Der nickt verständnisvoll.
Nun verraten die noch fehlenden, bisher unbeschenkten Kinder ihre Wünsche: Micha wünscht sich, dass Didem seine Freundin wird, woraufhin nun sie ihr bestes Grinsen aufsetzt, Didem, Lina und Reni haben ja schon etwas, Lotte wünscht sich ein Puppenhaus und Märte einen Kuschelbär.
„Also Kinder, das habt ihr toll gemacht!“ will Herr Blom nun abschließen.
Da fällt Max aber noch etwas ein.
– 20 –
„Aber Bert, wie sollen wir das eigentlich machen? Die Wichtel sind doch gar nicht mehr in den Bildern drin.“.
Da erschrickt Herr Blom und die Kinder rufen durcheinander „Oh nein!“ und „Ach verdammt!“ und Kalli schlägt sich vor den Kopf.
Dann meldet sich die kleine Märte: „Wir müssen die Wichtel zurücklocken!“.
„Aber wie denn?“ fragt Lotte.
Und nun meint Herr Blom: „Kinder, wir gehen jetzt erst einmal Kekse backen. Dabei fällt uns bestimmt noch etwas ein.“.
Juchzend und laut durcheinander redend stehen alle auf und rennen nun über den Flur in die Küche.
als Extra vielleicht: Lebkuchen-Rezept
– 21 –
„Was machst du da, Mäxchen?“ frage ich meinen Sohn, als ich sehe, dass er unsere Wohnungstür öffnet und sich zum Boden beugt. „Zeig´ mal! Was ist denn das?“.
Er zeigt mir einen großen Lebkuchenwichtel mit einer Kinder-Socke als Mütze. Darunter steckt ein Zettel.
„Das ist ja hübsch!“ sage ich, „Die lustige Mützensocke ist aber nicht von dir, oder?“.
Amüsiert sehe ich mir die Socke genauer an, lauter blaue Schlumpf-Emojis sind darauf zu sehen.
„Die ist aus der Fundsocken-Kiste im Kindergarten.“ erklärt mir Mäxchen, „Da haben wir uns welche raus genommen.“.
„Aha,“ sage ich, „na wenn die keiner vermisst ..“. Dann fällt mein Blick auf den Zettel, auf dem etwas geschrieben steht.
„Darf ich das lesen?“ frage ich, und mir fällt ein: „Sag mal, du kannst doch noch gar nicht schreiben. Ist das von jemand anderem?“.
„Bert hat uns geholfen.“ erläutert er mir, „Als unsere Kekse und Lebkuchen fertig waren, haben wir draußen im Garten gespielt, und er hat auf unsere Namenszettel Wünsche geschrieben.“.
„Kennt er die denn?“ hake ich nach.
„Na, die haben wir doch vorher gesammelt, damit jedes Kind etwas bekommt.“
„Versteh´ ich nicht ganz.“ gebe ich zu.
„Na, die Wichtel sollen doch wiederkommen und unsere Wünsche einsammeln.“
– 22 –
„Meinst du unseren Wichtel aus dem Bild? Der soll wiederkommen, und die der anderen?“.
„Ja, hmhm!“. Mäxchen nickt energisch.
„Dafür der Lebkuchenmann?“.
„Ja, der soll die Wichtel anlocken, und sie können ihn essen.“
„Und übrig bleibt dann die Sockenmütze mit dem Wunsch. Hmhm, ganz schön schlau! – Ist es okay, wenn ich deinen Zettel jetzt mal lese? Danach stecken wir ihn gleich wieder unter die Mütze.“.
Als Mäxchen wieder nickt, lese ich laut vor: „Lieber Weihnachtswichtel, ich wünsche mir noch einen Baukran für Kalli. Danke! Dein Max.“ Auf der Rückseite des Zettels steht noch „von Max“, selbst geschrieben.
„Das finde ich aber nett, dass du dem Kalli auch etwas wünscht. Hast du denn gar keinen Wunsch für dich selbst?“. Bei dieser Frage komme ich mir selbst schon vor wie ein Weihnachtsmann.
„Doch, klar: ein Paddelkanu. Das wünscht mir Märte auf ihrem Zettel.“.
Jetzt verstehe ich. „Ach so, ihr wünscht euch alles gegenseitig?!“.
„Hmhm. Ja. Damit´s auch klappt.“.
Stolz blicke ich auf mein Söhnchen und überlege, wer hier nun eigentlich erwachsener ist.
Das kann ich nicht beantworten, aber ich beschließe schon mal, Giselle um Hilfe zu bitten. Denn es scheint mir doch nötig, dass wir uns mit den Eltern der anderen Kinder in Verbindung setzen.
Mäxchen lehnt seinen Lebkuchenwichtel, mit Mütze und darunter festgeklemmtem Zettel nun an den Türrahmen, dann schließen wir die Wohnungstür und grinsen uns an.
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Einmal noch begegne ich den Wichtelchen. Es ist am Heiligabend, als ich mich in unser Wohnzimmer schleiche, um die bunten Teller mit den Süßigkeiten unter den Weihnachtsbaum zu stellen. Schon als ich das Zimmer betrete, sehe ich hinter dem Baum ein wirklich sehr großes Geschenkpaket, so von der Größe eines Kanus. Es liegt auf dem Boden, und die ganze Längskante ist besetzt mit den kleinen Wichteln, die wieder ein leises Plätschergeräusch von sich hören lassen. Als sie mich sehen, fangen sie fröhlich an zu hüpfen, um sich dann gleich wieder zu einem Buchstabentanz zu formieren:
„Alles gut gegangen! und Danke für deine Hilfe!“ tanzen sie mir vor.
„Haben die anderen Kinder auch ihre Wünsche erfüllt bekommen?“ frage ich sie flüsternd.
„Ja! Und die Bilder hängt ihr am besten ins Zimmer der Großeltern. Es sind nämlich Erinnerungen an glückliche Momente in ihrem Leben. Das mögen sie!“.
Ich nicke stumm und verstehend.
„Und ihr selbst: Denkt immer an den Wichtel im Bild. Habt Vertrauen, wenn ihr eure Kinder Fahrrad fahren oder paddeln lasst oder irgendwas. Es wird immer jemand da sein, der sie sicher ans Ziel bringt, notfalls auch mal einer von uns Wichteln.“.
Wieder nicke ich und freue mich über dieses Geschenk.
„Kann ich noch etwas für euch tun?“ frage ich.
„Sag Max, der Lebkuchen war sehr lecker. Dann also Tschüss und Fröhliche Weihnachten für euch alle!“.
Ich flüstere noch: „Fröhliche Weihnachten!“ und schon fliegen sie wieder in einer zusammengeballten Düsenwolke davon. Mein „Und vielen lieben Dank für alles!“ haben sie hoffentlich noch gehört.
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Als wir das festlich geschmückte Weihnachtszimmer betreten, ist die Freude unseres Mäxchens riesengroß, als er sein Paddelboot entdeckt. Giselle und ich stehen Arm in Arm daneben und freuen uns mit ihm. Da sagt Oma auf einmal:
„Ach guckt mal, da ist ja das Bild, was wir am Nikolaustag bekommen haben. Und da wo der Wichtel war, sitzt jetzt ein kleiner Mann, der genau wie Opa aussieht. Das möchte ich über mein Bett aufhängen. Geht das?“.
„Aber natürlich, Oma.“ sage ich, „Ich helfe dir. Ein Nagel ist schnell in die Wand geschlagen.“.
Als ich das Bild in die Hand nehme, bemerke ich einen Brief, der an der Rückseite in den Rahmen geklemmt ist. „Für die ganze liebe Familie“ steht darauf. Die Schrift kenne ich nicht, aber daneben ist ein Weihnachtswichtelsticker aufgeklebt.
Giselle und ich öffnen ihn, nachdem wir die Erlaubnis von Mäxchen und Oma eingeholt haben:
„Für euch alle fröhliche Ferien!“ steht da auf einem Zettel, der an eine bezahlte Buchungsbestätigung geheftet ist.
„Eine Wildwasser-Paddelreise. Wow!“ sagen Giselle und ich wie aus einem Munde. Dann geben wir uns einen Weihnachtkuss und schließen unsere Lieben in die Arme.