
verfasst am 10.11.2016: (aktueller Anlass: Ausgang der US-Wahlen 2016)
Der König und sein Nachbar
Es war einmal ein König, der liebte sein ganzes Volk sehr. Gleich als er König wurde, schenkte er seinen Untertanen einen großen Schatz, der sie sehr glücklich machte. Es waren Frieden und Freiheit, zu denen jeder Zugang hatte und von denen jeder nachfüllen durfte, wenn er etwas davon verloren glaubte.
So lebte das Volk viele Jahre im Glück und konnte selbst Unwetter und schlechte Ernten gemeinsam bewältigen. Gäste, die ins Königreich kamen, wurden freundlich aufgenommen und bewirtet. Und jeder, der wollte, konnte auf Reisen gehen und etwas von dem Schatz mitnehmen.
Eines Tages aber kam ein ganz besonderer Gast. Es war ein lila Prinz, der einen Umhang mit grünen Tupfen trug, den er niemals ablegen wollte. Am Anfang fanden die Bewohner ihn lustig und bewirteten ihn wie jeden anderen Gast. Als sie aber merkten, dass er sich von seinem Umhang nicht trennen wollte, fingen einige an, ihr Missfallen zu bekunden: „Der Umhang muss doch mal gewaschen werden.“, „Er passt nicht zu den anderen Farben in unserer Umgebung“, „Vielleicht versteckt der Prinz etwas darunter, was uns schadet.“, all diese Meinungen tauchten auf einmal wie aus dem Nichts auf. Andere Bewohner verteidigten den Prinzen dagegen: „Er tut doch niemandem weh.“, „Vielleicht friert er ohne den Umhang.“, „Warum sollen nicht mal ein paar neue Farben ins Königreich kommen?“, waren ihre Argumente.
Keiner sprach mit dem Prinzen darüber. Aber es dauerte nicht lange, bis dass die Menschen in 2 Lager gespalten waren und heftige Streits ausbrachen, wenn die mit verschiedener Meinung aufeinander trafen.
Der König war verzweifelt über die Unruhen in seinem Land. Er hätte den Prinzen gern verteidigt, wollte aber auch die seiner Untertanen nicht vergrämen, die ihn nicht mochten. Und als eines Tages ein Feuer im königlichen Stall ausbrach, von dem keiner wusste, wie es entstanden war, waren alsbald Stimmen zu hören, die dem Prinzen die Schuld daran gaben. Daher beschloss der König, eine Reise zu seinem Nachbarn ins Land neben dem seinen zu unternehmen, um sich dort Rat zu holen.
Sein Nachbar war ein freundlicher Mann, der ihn gern empfing und sich die Sorgen des Königs anhörte. Als dieser geendet hatte, sagte er: „König, du hast uns so oft Gäste geschickt, die etwas von deinem Schatz mitgebracht und hiergelassen haben. Wir halten dies in Ehren und haben so viel davon, dass wir dir und deinem Volk etwas zurückgeben können. Schicke mir den Prinzen, ich will ihn nochmals den Schatz sehen lassen und ihm davon etwas für sich und etwas für euch mitgeben.“
So geschah es. Der Prinz wurde gut bewirtet und durfte mit des Königs Nachbarn ein langes Gespräch führen, während sie von einem hohen Aussichtspunkt auf die ruhigen Lichter der Stadt blickten. Es war das erste Mal, dass er von jemandem gefragt wurde, warum er denn seinen Umhang nicht ablegen wolle. Er antwortete, dass er Angst habe, dann nicht mehr er selbst zu sein. Als ihm der Nachbar nun aber neuen Frieden und neue Freiheit für König und Volk mitgab, sah er, wie viel schöner es doch vor dem großen Streit gewesen war und ging mit einer Idee wieder zurück.
Zuhause angekommen fragte der König ihn, wie er den Schatz unter die Leute zurückbringen wolle. Da sagte er: „Von 12 Uhr nachts bis 12 Uhrt mittags werde ich meinen Umhang ablegen und denjenigen ihren Anteil am Schatz zurückgeben, die den Umhang nicht mögen. Ab 12 Uhr mittags bis 12 Uhr nachts aber ziehe ich den Umhang wieder an und umgebe mich mit Leuten, die sich darum nicht streiten würden. So kann ich lange genug ich selbst sein, lasse aber auch denen, die Anstoß nehmen, ihren Frieden.“
Dem König gefiel dieser Entschluss, und er schätzte sich glücklich, einen weisen Nachbarn und einen weise gewordenen neuen Bürger zu haben. Am meisten freute ihn aber, dass sein Nachbar den Schatz, von dem er ihm abgegeben, für ihn aufbewahrte und dass er davon immer wieder etwas zurückbekommen würde.