
Paul Hudson from United Kingdom, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons, unbearbeitet
Du bist nicht mein Hirte und ich bin nicht dein Schaf
Mein Name ist Dolly Wick, ich hasse diesen Namen, und ich möchte euch berichten, warum.
Meine Kindheit verlief eigentlich glücklich: Ich tollte viel auf den Wiesen herum, durfte raus, so oft ich es wollte und mit den Spielgefährten auf unserem Hof verstand ich mich bestens. Auch an Kleidung und Essen mangelte es mir nie, gerade mal, wenn wir rein gerufen wurden, fehlte es mir ein wenig an Abwechslung; die anderen hatten schon einen Fernseher und ich musste mich mit Büchern begnügen. Vielleicht war das ja auch der Grund, dass es mir in der Schule gefiel, auch wenn ihr das nicht versteht. Ich kam ausgeruht zum Unterricht, und für mich war es spannend, wenn die Lehrer uns die Ereignisse und Regeln der Erwachsenenwelt nahebrachten. Meine Mutter war ja meist außer Haus und erzählte nicht viel, und die Großeltern lebten eine halbe Weltreise von uns entfernt, jedenfalls aus Kinderaugen. Um sie zu besuchen mussten wir mit der U-Bahn ein mal quer durch die Stadt fahren und dann immer noch ein gutes Stück laufen. Die Lehrer und mein Radio waren also die einzigen, wo ich spannende Geschichten hören konnte. So lebte ich draußen, drinnen, in der realen Welt und oft auch in den Fantasiewelten der Bücher, die zeitlich aber immer mehr zusammenschrumpften je mehr Hausaufgaben es gab. Auch die Zeit, die ich mit meinen Freunden verbrachte, wurde immer knapper, aber das merkte ich gar nicht so sehr, denn immerhin hatte ich ja auch ein paar Freundinnen in der Schule und Lehrer, die ich ernsthaft bewundern konnte.
Ein paar Jahre später lernte ER mich kennen, bei einer Hochzeitsfeier, zu der ich eingeladen war. Ich wollte nicht tanzen, und so setzten wir uns an den Tisch und redeten über Gott und die Welt. Irgendetwas muss er schön gefunden haben an mir, ich dachte damals, es sei der Intellekt, den ich in der Schule erworben hatte, meine Ansichten über die Welt. Als junger Mensch ist man ja in ständiger Aufbruchstimmung, vor allem weiß man natürlich ganz genau, wie alles besser gemacht werden könnte. Man bräuchte nur noch das richtige Umfeld und die richtige Unterstützung um loszulegen. Wir unterhielten uns noch lange und auf dem Nachhauseweg war ich stolz auf mich, dass ich es so lange auf einer Feier ausgehalten hatte. Partys waren nämlich noch nie mein Fall gewesen. Ich ging allein nach Haus.
Ein paar Jahre später trafen wir uns nochmal persönlich. Ich war Studentin und besuchte die studentische Erstsemesterfeier. Er war Vorsteher der Gemeinde geworden, die diese Feier ausrichtete, trug sich allerdings mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten, das vertraute er mir bei unserem kurzen Schwatz an. Dieses Mal kam er nicht dazu zu tanzen. Zu viele ältere Damen und wenige Herren, die Eltern der versammelten Studenten hielten ihn mit ihren Fragen gefangen und ihren Vorschlägen, wie die Gemeinde sich für die Weiterentwicklung der nunmehr erwachsenen Kinder engagieren könnte. Es muss mein rotes Folklorekleid gewesen sein, das ich zu diesem Anlass angezogen hatte, das diesen langen Blick von ihm zu mir herzog, geradezu als wolle er die Blüten von meinem Kleid abgrasen. Ich bemerkte ihn, als ich mich nochmals winkend umwandte, nachdem wir uns schon verabschiedet hatten.
Mein Leben lief in normalen studentischen Bahnen weiter, ich machte meinen Abschluss nicht ganz so schnell wie anvisiert. Dann ging es an die Familiengründung. Meinen Mann, einen Farbigen, lernte ich in der Tierarztpraxis kennen, in der ich eine Assistenzstelle gefunden hatte. Und in wildromantischer Liebe schmiedeten wir Pläne. Unsere Zukunft sollte in Afrika und Deutschland stattfinden. Wir wollten mehrere Kinder.
Noch ehe unsere Ehe offiziell zerbrach, zunächst daran, dass wir den Geldforderungen der Verwandten meines Mannes im fernen Afrika nicht genüge tun konnten, und endgültig, als ich feststellen musste, dass er dort noch eine Jugendliebe unterhielt, begann dieses Gefühl, dass ich verfolgt würde. Zunächst war es kaum zu bemerken. Zuerst waren es Leute auf der Straße, die mich an Kommilitonen aus der Uni erinnerten, die ich schon jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Sie wirkten wie inszeniert, als hätte sie jemand dahin bestellt, um mich an die Originale zu erinnern. Zuweilen fand ich das lustig, konnte aber nichts damit anfangen. Mein Leben hatte sich von der Uni entfernt, und ich lebte in annehmbaren Verhältnissen mit Kind. Die alten Kontakte waren abgebrochen. Mein Mann lebte mittlerweile getrennt von mir, aber immer noch in derselben Stadt. Und erst als wir gemeinsam, fast wie eine ganz normale, intakte Vater-Mutter-Kind-Familie ein Weihnachtsfest unserer Gemeinde besuchten, fiel mir auf, dass die meisten dieser merkwürdigen Begegnungen auf der Straße auf die ehemaligen Kommilitonen zurückführbar waren, die auch dieser Gemeinde angehörten. Mit zweien von ihnen konnte ich auf der Weihnachtsfeier reden, mehr waren nicht da, oder sie hatten inzwischen ihr Äußeres so verändert, dass ich sie nicht wieder erkannte. Immerhin erfuhr ich, dass der Gemeindevorsteher noch dort tätig war, zur Zeit aber mit einer Gruppe von Firmlingen unterwegs zu einem Seminar in Dänemark, wo sie über künstliche Befruchtung diskutieren wollten und eine Fertilitätsklinik besuchen würden. Mit diesen Nachrichten, die mich gar nicht so besonders interessierten, beendeten wir den Abend bald und gingen nach Hause, wo wir noch zusammen feierten.
In der Folgezeit jedoch fühlte ich mich immer stärker gestalkt. Es tauchten nicht nur die Figuren auf, die mich an die Kommilitonen erinnerten, mich erreichten auch laut gesprochene Worte, die wie Botschaften wirkten, die mir zugeflüstert wurden, mich erreichen sollten. Ein Mann, den ich nicht kannte, drehte sich beim Wannseekonzert zu mir hin, um mir zu sagen: „Ich stehe nicht auf Sie!“ , obwohl ich ihn gar nicht angesprochen oder gar gerempelt hätte. Im Hintergrund der Wohnung hörte ich es laut poltern, als im Radio die Worte vernehmbar waren: „Du wärst schon längst tot, aber ich habe noch etwas mit dir vor.“
1997: Klonschaf Dolly wird als geglücktes Experiment vermeldet.
Im Fernsehen eine Sendung von Pfarrer Fliege: „Ich will dich verwöhnen. Sollen wir das so schreiben?“. Nein! hätte ich am liebsten geantwortet, aber wer hört einen schon über den Fernseher? Ich war inzwischen frisch geschieden, alleinerziehend mit meinem Sohn und sowohl ausgelastet als auch glücklich dabei.
„Sie haben die freie Auswahl!“, eine Bemerkung der Nachbarin im Treppenhaus, aus heiterem Himmel. Mehr und mehr entstand in mir der Verdacht, dass ich verkuppelt werden sollte.
Wir befassten uns in der Gemeinde mit Hirtenliedern, ein neuer Chor war gegründet worden.
Ich verliebte mich kurz in einen Gitarrero. Als würde man darüber Bescheid wissen, stellte sich beim nächsten Konzert jemand demonstrativ neben mich, als wolle er den „Angebeteten“ auf mich aufmerksam machen, was ich nur peinlich fand und mich zum Rückzug in der Pause bewegte.
Und dann noch Katharina Witt, diese Kuh: „Sie haben sich verliebt, und wir waren dabei!“. Boris Becker war ja eine öffentliche Person, die haben es schwer, ihre Liebesgeheimnisse zu verbergen. Trotzdem sind enge Beziehungen allein eine Sache der Beteiligten. Dachte ich. Jemand anders dürfte eben nicht dabei sein. Ich fühlte mich ausgesetzt, wie Freiwild, Jagdobjekt, als hätte jemand behauptet, ich wäre auf der Suche nach einem neuen Partner. War ich nie. Viel zu aufwändig, während der Kindererziehung Freundschaften aufzubauen, und vor allem: völlig unnötig! Nicht gewollt! Ich hatte nicht vor, mit jemand anderem über Erziehungsfragen streiten zu müssen. Das Gefühl des Zur-Schau-gestellt-Werdens blieb, weitete sich sogar noch aus zu einem des Zuhause-Vorgeführt-Werdens. Wie weit reicht welche Technik ins Private hinein?
November 2018: chinesischen Zwillingen wurde ein Anti-Aids-Gen implantiert, im Rahmen einer künstlichen Befruchtung.
2020: Nobelpreis für Medizin an Emmanuelle Charpentier und Jennifer Daubner für die Entwicklung der crispr-cass-Genschere.
Ich bekomme Angst. Tolle medizinische Fortschritte, aber ..
Das Stalking, die in Szene gesetzten Doubles, die Zuflüsterungen bleiben. Und ein Haufen Medien-Inputs. „Eiersalat“, der letzte nach einem Streit mit meinem Vorgesetzten, mit dem ich vorher eigentlich gut auskam.
Ich kann nicht mehr.
Und vorige Woche sah ich sie dann: diese ganz junge Nachrichtensprecherin, die mir so auffällig ähnlich sah. Ich konnte mein Gesicht geradezu heraussehen und beruhigte mich nur durch die Feststellung, dass es nicht vollkommen den Fotos aus meinen jungen Jahren glich.
„Ich bin der gute Hirte. Dir wird an nichts mangeln. Ich weide dich auf einer grünen Aue usw.“
„Ich zahle dir das Essen, mit dir zusammen essen will ich aber nicht.“
Wenn mir doch aber gerade das mehr erklären würde? Wenn es mich abbringen würde von der Idee, dass sich da jemand meiner Zellen bedient hat, ohne mich um Erlaubnis zu fragen? oder von der, dass ich, mein Leben, meine Zellen zur Handelsware gemacht wurden, heimlich?
Ich kann das alles weder einordnen noch aushalten, noch habe ich konkrete Fakten. Aber ich möchte meiner Vermutung Ausdruck verleihen, dass das Stalking, das ich wahrnehme, durch Kaplan Oscar Farmer veranlasst wurde. Weiß jemand von euch etwas? Hätte gern Hinweise!
Unterschrift: Dolly Wick Ort/Datum
„Mrs. Wick, sie können herauskommen. Sie sind frei. Wir können gleich noch über ihren Bericht und unsere Erkenntnisse sprechen. Sie sind vom Verdacht befreit, den Tod von Kaplan Farmer willentlich herbeigeführt zu haben. Wollen sie schonmal in das Zimmer am Ende des Ganges gehen? Dort wartet schon eine Kollegin mit Kaffee auf sie.“
Tagebucheintrag:
Heute habe ich mich getraut: Ich war bei der Polizei und habe das Stalking angezeigt. So wie es mir Dr. Fried empfohlen hat. Erst wollte ich ja nicht. Schließlich kann man es kaum beweisen, wenn man sich gleich von einer ganzen Reihe von Menschen gestalkt fühlt. Die auf dem Revier würden mich bestimmt für verrückt halten, jedenfalls würde mich das nicht wundern. Und ganz unrecht hätten sie nicht, auf alle Fälle fühle ich mich reichlich verwirrt. Ich habe Angst und weiß nicht, wie viel Reales dahintersteckt. Aber der Doktor, ich habe ihn übrigens in unserem Gemeindebrief gefunden, riet mir zu. Da ich ja nun schon länger bei ihm in psychiatrischer Behandlung bin, ist er zu dem Eindruck gekommen, dass weiter aufgeklärt werden müsse, was er aber nicht übernehmen kann. Dazu hätte er gar keine Vollmacht. Für solche Untersuchungen wäre die Polizei zuständig. Er könne mich jedoch weiterhin unterstützen und gegebenenfalls auch Auskünfte erteilen, wenn es sich als nötig erweisen würde.
Sein Angebot, mich aufs Revier zu begleiten, schlug ich aus. Gleich von Anfang an den Eindruck erwecken, dass man seine Angelegenheiten nicht selbst auf die Reihe kriegt, nein, ich will ja schließlich ernst genommen werden. Dafür muss man schon so normal wie möglich wirken. Psycho wird doch immer noch als Dachschaden behandelt: „Da kommt eine, die ist balla balla!“. Das wollte ich nicht.
Es war dann auch gar nicht so schlimm: Ein sehr ruhiger Beamter nahm meine Anzeige auf, während seine Kollegin protokollierte, dann fragte man mich, ob ich jemanden konkret in Verdacht habe, hinter mir her zu spionieren, und ich erwähnte unseren Kaplan. Dann fiel mir dazu noch mein Bericht aus der Patientenzeitung ein, wo ich ja alles erläutert habe, und so versprach ich, eine Kopie davon nachzureichen. Das war’s. Man ließ mich ziehen, drückte mir noch einen Durchschlag der Anzeige in die Hand.
Ich kann mich erinnern, wie ich noch auf dem Nachhauseweg vor Aufregung zitterte und weinte. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich wirklich ernst genommen haben. Zuhause rief ich erstmal Sabine an. Sie war skeptisch wegen der Anzeige, meinte aber, ich solle mir eine Auszeit nehmen und ein paar Tage verreisen. Mein Sohn würde schon ohne mich klar kommen, und notfalls könne sie ja mal vorbei gucken. Fand ich super, die Idee, es ist eigentlich das Einzige, was ich als möglicherweise hilfreich einstufe. Also gleich den Trolley vom Boden runter gefischt und ohne groß nachzudenken ein paar saubere Klamotten rein geworfen. Ein bisschen Reise-Proviant wollte ich noch kaufen, ging zu Penny, und habe nicht schlecht gestaunt, als dort der Polizist neben mir stand, der die Anzeige entgegengenommen hatte, am Regal mit den Dauerbroten. „So etwas mögen sie?“ fragte er, „Frisch schmeckt es doch viel besser.“. „Ich gehe auf Tour“, entgegnete ich, und dann erzählte ich ihm, dass ich raus wollte, für ein paar Austage. Er nickte verständnisvoll und wünschte mir noch eine gute Reise.
Morgen ganz früh will ich los. Heute noch Ricki mit den Tatsachen konfrontieren und eine Ermahnung loswerden, dass ich die sturmfreie Bude in tadellosem Zustand sehen will, wenn ich zurückkomme. Wie ich ihn kenne, wird er sich wohl auf ein schlichtes „Ja“ beschränken und dann doch machen, was er will. Macht mir aber wenig Sorgen, weil er ja doch meist vor dem Computer abhängt, ’ne große Party ist nicht zu befürchten; oder?
Jetzt will ich noch meinen Impfpass suchen, und das Umhängetäschchen für Ausweis, Geld etc.. Und dann weg, weg, weg. Mir spukt immer noch die Nachrichtensprecherin im Kopf herum. Hoffentlich muss ich die auf meiner Reise nirgends sehen. Ich will nicht mehr grübeln müssen.
Vielleicht wird es eine unruhige Nacht. Aber ich glaube, es ist die richtige Entscheidung. Werd‘ ich ja sehen.
„Hallo, Frau Wick. Zunächst einmal möchten wir uns für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, die ihnen durch unseren Verdacht und den Aufenthalt hier entstanden sind. Wir brachten sie mit dem Tod des Herrn Farmer in Verbindung, weil er fast unmittelbar nach ihrer Stalking-Anzeige aufgefunden wurde, und da sie dem Kollegen Bertram erzählt hatten, dass sie schon fast auf Reise seien, mussten wir von einer möglichen Fluchtgefahr ausgehen und sie abholen.“
„Und weil sie mich gerade noch am Bahnhofsgleis stehend antrafen und mein Trolley ohnehin gepackt war, nahmen sie mich gleich in Gewahrsam?“
„Ja wie gesagt, es tut uns leid, dass wir da vielleicht etwas vorschnell gehandelt haben. Jedoch gab es einen dringenden Tatverdacht, zumal der Tote ja auch in unmittelbarer Nähe zu ihnen mit seiner Schwester lebte.“
„Ist sie es, die ihn fand?“
„Zumindest erzählt sie es so. Sie fand ihn erhängt in seinem Zimmer, aber der Stuhl stand in einiger Entfernung. Deshalb schlossen wir auf Fremdeinwirkung.“
„Und mir trauten sie zu, einen Mord zu begehen? Wirkte ich so aufgewühlt? Und glauben sie tatsächlich, dass ich so etwas zustande brächte?“
„Frauen sind manchmal stärker als sie aussehen. Und wenn sie geschickt vorgehen,..“
„Ich könnte selbst meinen ärgsten Feind nicht umbringen, auch wenn der Kaplan das vielleicht war.“
„Nein, das war er nicht, soviel wissen wir. Vielleicht hatte er ein Auge auf sie und ihre Familie geworfen, aber nach Aussage seiner Schwester wäre er nie der Typ gewesen, der jemanden stalkt.“
„Aber wer sonst könnte solches Interesse an mir haben?“.
Polizeirevier 21: Tötungsdelikte; Einsatzbesprechung
„So, kommen wir nun zum Fall Oskar Farmer: Kaplan Farmer wurde in seiner Wohnung erhängt aufgefunden, im Zimmer befand sich ein Stuhl, der aber so weit weg stand, ich betone: aufrecht stand, dass er vom Opfer mit Sicherheit nicht selbst verwendet worden ist.“
„Er hat ihn also auch nicht mit den Füßen wegstoßen können, so dass er noch über den Boden gleiten konnte?“
„Nein, dann hätte die Spusi Spuren dieses Schlitterns gefunden. Auf dem Boden gab es aber keine Auffälligkeiten.“
„Liegen denn andere Hinweise auf Fremdeinwirkung vor, Spuren eines Kampfes vielleicht oder ein mit Medikamenten vollgepumpter Magen?“
„Bisher nichts dergleichen. Der Laborbericht ist noch nicht fertig. Aber zu offenen Gewalthandlungen ist es anscheinend nicht gekommen. Es waren keine Anzeichen auszumachen, dass sich das Opfer gewehrt hat.“
„Sehe ich es richtig, Chef, dass der einzige Zweifel an einer Selbsttötung dadurch bedingt ist, dass wir uns bisher nicht erklären können, wie der Mann es fertiggebracht haben soll, sich in dieser Höhe ohne Beihilfe aufzuhängen? Und dass wir noch kein Motiv für die Tat haben, weder von ihm noch von irgendjemandem?“
„So in etwa lässt sich die Lage zusammenfassen, außer dass wir diese 1 Tag zuvor aufgegebene Stalking-Anzeige vorliegen haben, von Frau Wick, die sich offenbar vom Opfer verfolgt fühlte.“
„Wir können sie doch aber nicht deswegen länger in Gewahrsam halten. Immerhin hat sie ja zugestimmt, noch bis zur Klärung des Falles vor Ort zu bleiben nach unserer Abholaktion.“
„Das ist richtig. Und wir sollten unsere Fühler auch in weitere Richtungen ausstrecken. Wissen wir denn schon mehr über den Kaplan, außer dass er nach Aussage seiner Schwester sehr beliebt war in seiner Gemeinde und ein sehr gewissenhafter Mensch, der niemandem ein Leid antun würde, auch nicht durch psychologischen Druck oder Ähnliches?“
„Noch haben wir niemanden aus der Gemeinde befragt. Aber wie steht´s denn nun mit unserer Verdächtigen, Frau Wick? Sollten wir nicht doch nochmal in diese Richtung weiterdenken? Ein Motiv hätte sie ja eigentlich schon.“
„Genau dazu will ich jetzt kommen, Herr Kollege. Wie sieht es aus, Dr. Ingolt, haben sie aus dem Bericht der Verdächtigen schon ein Profil erstellen können?“
„Ja, ich habe mich damit befasst. Und ich möchte betonen, dass dieser Bericht uns von Frau Wick selbst zur Verfügung gestellt wurde. Ursprünglich erschien er in einer Patientenzeitschrift, für Leute, die sich ihre Probleme von der Seele schreiben wollen und ihre Leser.“
„Wie heißt denn diese Zeitung, und wie und wo erscheint sie?“
„Ich weiß nur, dass sie „Gott und der Welt-Irrsinn“ heißt, das hat Frau Wick in ihrer Mail vermerkt. Von der Zeitung selbst konnte ich noch kein Exemplar ergattern. Sie liegt wohl in einigen psychiatrischen Praxen aus und vielleicht auch in Kliniken oder anderswo. Das sollten wir noch recherchieren. Frau Wick schickte mir den von ihr verfassten Original-Text, den sie nach eigenen Angaben auf Anraten ihres Psychiaters dieser Zeitung zukommen ließ.“
„Er hat also nichts mit der Anzeige bei uns zu tun?“
„Doch natürlich. Schließlich beschreibt sie darin recht ausführlich, wie es zu ihrem Stalking-Gefühl kam. Deshalb bot sie uns ja an, damit die Anzeige zu ergänzen.“
„Und finden wir denn nun etwas darin, was uns auf die richtige Spur bringen könnte? Was hat ihre Durchsicht denn ergeben, Frau Doktor?“
„Ich versuche mich kurz zu fassen: ..“
„Danke!“
„Gern! Also: Frau Wick lebt allein mit ihrem fast volljährigen Sohn, ist Akademikerin, was man auch ihrem Schreibstil anmerkt, wie ich finde, und ist tätig in einer Tierarztgemeinschaftspraxis, wo sie zur Zeit aber beurlaubt ist. Wie ich ihrem Bericht entnehme, gehört sie nicht zu den geselligen Menschen, sondern war von Kindheit an oft allein, worauf sie geprägt ist. Über eigene Gewalterfahrungen konnte ich nichts entnehmen, ihre Sozialisation lief anscheinend normal ab: Schulbesuch, Gemeindeleben, Studium, Anstellung, Familiengründung. Ihre Bemerkungen zum sozialen Leben in der Öffentlichkeit lassen darauf schließen, dass sie eher introvertiert ist und Wert auf ihre Privatsphäre legt.
Die Trennung von ihrem Ehemann scheint aber Einfluss auf ihre Wahrnehmung genommen zu haben. Zumindest berichtet sie erst seit dieser Zeit über ihr Gefühl, gestalkt zu werden und kommt zum Verdacht, verkuppelt werden zu sollen.
Dass sie dabei an den Kaplan ihrer Gemeinde denkt, könnte durch eine emotionale Beziehung der beiden noch aus jungen Jahren stammen. Ob sie in ihn verliebt war oder er in sie, lässt sich nicht wirklich ausmachen. Allerdings meine ich, dass ihre Kirchengemeinde tatsächlich etwas zu tun haben könnte mit ihren Stalking-Empfindungen, da sie sich ja nur an Bekannte aus diesem Kreis erinnert fühlt.“
„Ist sie denn sehr religiös? Äußert sie etwas über ihren Glauben?“
„Sie schreibt, dass sie lange keinen Kontakt zu ihrer Gemeinde hatte. Auf religiös verursachte Wahnvorstellungen würde ich aber nicht schließen. Dafür gibt es keine Anzeichen.“
„Stimmenhören?“
„Nein! Allerdings vielleicht zu viel Medienkonsum, der ihre Ängste nährt. Die neuen Techniken scheinen sie jedenfalls ziemlich zu beunruhigen. Das Auffälligste ist, dass sie dabei viel auf sich bezieht. Wahrscheinlich hat sie zu wenig Menschen um sich, mit denen sie ihre Ängste besprechen könnte.“
„Aber sie ist doch bereits in psychiatrischer Behandlung, nicht wahr? Gibt es von dieser Seite vielleicht Hinweise, die sie be- oder entlasten?“
„Das wissen wir noch nicht. Ich möchte mit ihrer Erlaubnis noch den Psychiater kontaktieren. Dazu müsste sie ihn allerdings von der Schweigepflicht entbinden.“
„Sie meinen, das könnte uns weiter helfen, Frau Dr. Ingolt? Schließlich sind sie selbst ja Gutachterin!“
„Solange wir bzw. sie keine andere Spur haben, die zur Klärung beitragen könnte, wäre es zumindest eine Möglichkeit, mehr Informationen zu bekommen. Außerdem würde ich empfehlen, Kontakt mit ihrer Gemeinde aufzunehmen. Vielleicht weiß man da ja mehr. Es könnte aufschlussreich sein, mehr über die Gespräche zu erfahren, die Frau Wick auf der Weihnachtsfeier mit ihren Kommilitonen geführt hat. Darüber schreibt sie nichts Näheres.“
„Dann werden wir da mal nachhaken. Ich habe den Bericht ja auch gelesen. Meinen sie, dass diese Nachrichtensprecherin, die ihr so ähnlich sieht, noch ein Ansatzpunkt sein könnte?“
„Das ist eine interessante Frage, die sie da stellen. Beim Lesen dachte ich nur daran, dass Ähnlichkeiten nicht so selten sind, und dass es sich bei dieser Wahrnehmung um eine generalisierte Angst von Frau Wick handelt, die die neuen Gentechniken betrifft. Dann allerdings haben sie mir Fotos nachgereicht, und ich muss sagen, diese Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend. Die Sprecherin könnte wirklich eine jugendliche Variante von Frau Wick selbst darstellen. Vielleicht kann man ja da doch etwas zu den Verwandtschaftsverhältnissen erkunden. Falsch wäre es nicht.“
„Ja, dann danke ich ihnen, Frau Dr. Ingolt und möchte sie bitten, uns über ihre mögliche Begegnung mit Frau Wicks Psychiater auf dem Laufenden zu halten. Wir werden uns derweil der Gemeinde zuwenden. Und vielleicht sollten wir noch einmal die Schwester des Toten vernehmen. Vielleicht hat sie sich jetzt ja wieder beruhigt und kann uns noch mehr Auskünfte geben.“
„Ich hätte noch eine Frage an Dr. Ingolt!“
„Machen sie´s kurz, Bertram. Wir wollen ausschwärmen.“
„Wie kommt es, dass Frau Wick ihre Befürchtungen in einer Patientenzeitschrift veröffentlichen darf? Ist das nicht irritierend für die anderen Betroffenen. Und kann das nicht so etwas wie Rufmord zur Folge haben?“
„Genau das werde ich den behandelnden Psychiater auch fragen, Herr Bertram. Auch deshalb halte ich die Kontaktaufnahme für sinnvoll. Ich danke ihnen, dass sie mich in meinem Entschluss stärken. Und ihnen allen danke ich für die Aufmerksamkeit und würde mich jetzt gern von ihnen verabschieden. Ich habe noch einen Termin.“
„Wir haben ihnen zu danken, Frau Doktor. Gehen sie nur los. Wir bleiben in Kontakt.“
„So machen wir´s. Dann Tschüss und viel Erfolg!“
Tagebucheintrag:
Morgen gehe ich Frau Farmer besuchen. Ich habe ihr ja noch gar nicht kondoliert. Es war komisch, als sie mich vom Revier entließen. Ich wollte nach hause und wollte es gleichzeitig nicht. Ricki war ja benachrichtigt worden. Aber irgendwie fürchtete ich, ihm etwas erklären zu müssen. Er weiß zwar, dass mir so einiges nicht geheuer vorkommt, in den Medien und unterwegs. Aber der Kaplan und unsere Gemeinde? waren nie Thema gewesen! Außer von der Ferienfreizeit, über die ich damals sehr dankbar war, kennt er sie eigentlich gar nicht. Gerade mal an ein paar Besuche am Heiligen Abend wird er sich erinnern, besonders aus der Zeit, wo Tayo noch bei uns lebte. Ansonsten ist es einfach nicht mehr mein Verein. Ich sehe doch, was in der Welt alles abgeht, und dann noch diese Missbrauchsskandale und der Starrsinn gegen jede Art von Reform. Nein Danke! Mich hält da nichts mehr am Glauben. Aber dass der Kaplan jetzt tot ist, ..?. Es verwirrt mich immer noch! Erleichtert fühle ich mich nicht, weil ja dann vielleicht das Stalking-Gefühl aufhört, eher im Gegenteil: Jetzt blicke ich gar nicht mehr durch, muss vielleicht alle Hypothesen fallen lassen, oder zumindest überdenken. Werd´ sehen.
Ich verschaffte mir also nach meinem „Besuch“ auf dem Rervier noch ein bisschen frische Luft für den Kopf mit einen Spaziergang im angrenzenden Park, nur kurz, denn ich hatte ja noch den Trolley dabei. Und auf dem Rückweg habe ich dann Blumen gekauft, für Frau Farmer, eher spontan (oder? Unterbewusstsein? Eher für mich selbst? Egal!).
Ricki war auf Erklärungen gar nicht scharf. Was war ich froh! Er sah es eher wie einen Krimi und wollte mehr über die Untersuchungshaft wissen. Ich habe ihm davon erzählt, aber unter der Bedingung, dass er nichts davon seinen Freunden postet. Es ist so schon alles schlimm genug. Hoffentlich kann ich mich auf sein ihm abgenötigtes Versprechen verlassen, wir haben ja eigentlich oft genug über die Gefahren des Netzes diskutiert.
Morgen dann also auf Besuch, so lange müssten die Blumen noch halten. Ich muss ja noch die genaue Adresse heraussuchen. Dass die Wohnung der beiden so nahe ist?! Hoffentlich macht sie mir überhaupt auf. Ich habe sie ja nur mal flüchtig gesehen, irgendwann auf irgendeiner Gemeindefeier. Da wirkte sie etwas steif. Hätte vielleicht auch lieber heiraten sollen anstatt ihren Bruder zu versorgen. Aber was geht´s mich an? Sie wird schon ihre Gründe gehabt haben, und jetzt tut sie mir sehr leid. Hoffentlich bekomme ich keine Schuldvorwürfe zu hören. Die Untersuchungshaft hat mich schon genug in Angst und Schrecken versetzt. Vielleicht hätte ich sofort nach einem Anwalt krähen sollen. Habe mir nur nie vorstellen können, jemals einen zu brauchen. Deshalb kenne ich ja auch keinen. Wer weiß, ob der mir nicht sogar von meinem Beileidsbesuch abraten würde. Andererseits, ein bisschen mehr über den Kaplan erfahren, vielleicht hilft es mir ja dabei, eine Erklärung fürs Stalking zu finden. Dann also: Halte durch, schöner Astroemerien-Strauß! Morgen bin ich ausgeruhter (hoffentlich!).
„Sie können sich also nicht vorstellen, dass er irgendwelche Feinde hatte?, vielleicht ja auch Neider, die ihm seine Position nicht gönnten?“
„So weit hat er es nicht gebracht in unserer Gemeinde. Und ein Pfarrersposten wäre jetzt vorerst nicht so bald frei geworden. Nein, er war wirklich sehr beliebt, und auf mich wirkte er recht zufrieden an seinem Platz.“
„Wie war denn das Verhältnis von Kaplan Farmer und Dolly Wick? War da irgendetwas Besonderes?“
„Davon habe ich nichts bemerkt. Das letzte Mal, als ich Frau Wick gesehen habe, war auf unserem Weihnachtsfest. Ihr Mann und ihr Sohn waren auch dabei. Sie erkundigte sich nach dem Kaplan. Aber er war ja unterwegs. Und ich glaube, sie gingen dann auch bald.“
„Ist ihnen vielleicht an ihrem Ex-Mann etwas aufgefallen? Machte der vielleicht Bemerkungen zum Kaplan?“
„Ach, Ex-Mann? Ich wusste gar nicht, dass die beiden geschieden sind. Sie wirkten eigentlich wie eine ganz normale Familie. Nein, ich glaube, Kaplan Farmer war kein Thema bei ihnen. Das Einzige, was ich ihnen sagen kann, ist, dass Dolly Wick und der Kaplan sich schon aus ihrer Jugendzeit kannten. Da war er noch ganz frisch bei uns und sie noch in der Firmungsgruppe.“
„Und daraus könnte sich ein Verhältnis ergeben haben?“
„Nicht wirklich. Er war sich zwar noch nicht sicher über seinen Lebensweg, aber der ergab sich dann. Und irgendjemand aus der Gemeinde hätte bestimmt etwas mitbekommen, zumindest seine Schwester. Die passte ja auf ihn auf wie ein Wachhund.“
„Meinen sie, dass es zwischen seiner Schwester und ihm Spannungen gab?, in letzter Zeit?“
„Es wird schon nicht ganz spannungsfrei zugegangen sein, wie bei allen, die lange zusammenleben. Aber Oscar war ein sehr sensibler, rücksichtsvoller Mensch. Es fehlte ihm auch ein bisschen an Durchsetzungskraft. Sonst wäre er ja vielleicht auch hier weiter gekommen.“
„Das heißt?“
„Als meine Stelle ausgeschrieben war, hätte er sich auch bewerben können. Die Möglichkeit zur Weiterqualifikation hätte er gehabt.“
„Und er wollte nicht?“
„Vielleicht war er zu schüchtern. Oder wollte sich von niemandem drängen lassen. Gott wird wissen, was dahinter steckte, ich weiß es nicht.“
„Ließ er denn anmerken, dass er auf sie sauer war, als sie die Stelle bekamen?“
„Nein, im Gegenteil: er wirkte irgendwie erleichtert, als hätte ihm jemand eine Last abgenommen.“
„Hmhm. Eine andere Frage noch: Haben sie mitbekommen, worüber sich Frau Wick mit den Leuten auf der Weihnachtsfeier unterhalten hat, oder ihr Mann, oder der Sohn?“
„Nein, gar nichts. Vielleicht fragen sie da lieber die Schwester. Sie hält sich immer im Hintergrund, bekommt aber das Neueste meistens mit. Oder Frau Perez, die hält überall ein Ohr dran. Weiß eigentlich immer gut Bescheid.“
„Frau Perez?“
„Ja. Eine alleinstehende Dame, die vor langer Zeit aus Spanien nach Deutschland kam, nachdem ihr Mann, ich glaube es war ein General, gestorben war. Sie unterstützt uns immer mit sehr großzügigen Spenden, hat wohl ein großes Erbe angetreten.“
„Und ist hier besonders engagiert!?“
„Nicht nur hier. Sie ist in vielen Vereinen aktiv.“
„Dann geben sie mir doch bitte ihre Telefonnummer, oder eine Adresse, unter der ich sie erreichen kann.“
„Die kann ihnen unsere fleissige Sekretärin geben. Sie ist ja auch sehr in Trauer um unseren Kaplan.“ „Ja, danke! Das war´s dann erstmal. Falls ihnen noch etwas einfällt, das uns weiterhelfen könnte,..“
„“Ach, Herr Kommissar! ..“
„Ja?“
„Da fällt mir tatsächlich noch etwas ein, weil wir auf Frau Perez zu sprechen kamen. Sie macht in einem Gesprächskreis mit, in dem wir unsere Position zu den Entwicklungen der Neuzeit diskutieren, Digitalisierung, präembryonale Diagnostik, Designerbabies usw.. Kaplan Farmer und ich haben ihn abwechselnd geleitet. Ich glaube, da gab es kürzlich mal Zoff. Ich weiß aber nicht, worum es ging, möglicherweise um künstliche Befruchtung. An dem Thema sitzen wir schon länger. Frau Perez kann ihnen bestimmt davon berichten.“
„Das klingt ja interessant. Dann werde ich dort mal nachhaken.“
„Tun sie das. Kann ich sonst noch etwas für sie tun?“
„Nein, ich denke, das ist alles.“
„Dann also viel Erfolg bei ihren Ermittlungen. Die Pfade des Herrn sind immer geheimnisvoll.“
„Die der Menschen erst recht. Dann gehe ich mal. - Ach sagen sie..?“
„Ja?“
„Ich sehe hier gerade in ihrem Prospektständer eine Zeitung: Gott und der Welt-Irrsinn. Liegt die hier regelmäßig aus? Und kann ich ein Exemplar davon mitnehmen?“
„Bitte bedienen sie sich. Dr. Fried legt sie immer hier aus, so oft sie eben herauskommt. Er ist der einzige Psychiater unserer Gemeinde, zumindest der einzige, von dem wir wissen, dass er praktiziert. Und er versucht schon seit einiger Zeit, eine Schreibgruppe aufzubauen, zum therapeutischen Schreiben. Wir haben ihm angeboten, es hier zu versuchen und würden ihm dafür auch einen Raum zur Verfügung stellen.“
„Das ist aber noch in Arbeit?“
„So ist es, wir müssen es erst noch bewerben. Aber eine Leserin ist schon brennend interessiert daran.“
„Lassen sie mich raten: Ist es vielleicht diese Frau Perez?“
„Gut geraten, ja! Und nehmen sie gern auch noch ein paar andere Flyer mit: die Worte zur Meditation sind sehr entspannend.“
„Danke, Herr Pfarrer. Vorerst habe ich genug zu lesen. Wo ist denn ihr Sekretariat?“
„Und jetzt halten sie sich fest, Kommissar: ..“
„Lassen sie hören!“
„Die junge Nachrichtensprecherin ist tatsächlich nicht auf natürlichem Weg entstanden.“
„Das schließen sie woraus?“
„Sie weiß es, sie hat es mir selbst gesagt. Ich habe ihr das Foto von Frau Wick vorgelegt, da war sie erstmal sprachlos.“
„Wegen der Ähnlichkeit?“
„Ja. Aber sie fing sich erstaunlich schnell und kam gleich zur Sache: Ihr Vater, alleinerziehend und mittlerweile verstorben, teilte ihr wohl zu ihrem 16. Geburtstag mit, dass sie von einer Leihmutter ausgetragen wurde. Offenbar war die echte Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und
weil er über ihren Verlust nicht hinwegkam und sich nicht neu binden wollte, suchte er nach einer Möglichkeit, seine Frau auf andere Weise bei sich zu behalten. Das war in der Zeit, wo Klonschaf Dolly vermeldet wurde.“
„Er wollte seine Frau klonieren, sozusagen als Souvenir?“
„So oder so ähnlich. Jedenfalls bestach er einen Mediziner, ein paar Zellen aus dem frisch obduzierten Leichnam seiner Frau zu entnehmen, die noch für eine künstliche Befruchtung verwendet werden könnten.“
„Haben sie den denn schon ausfindig machen können, Bertram?
„Ja, der Vater der jungen Dame hatte ihr ein paar Unterlagen hinterlassen. Ich habe den Mann bereits kontaktiert, und er meinte, es sei eigentlich ein ganz legales Geschäft gewesen. Zuerst wollte er Eizellen entnehmen, weil er davon ausging, dass der Vater ja vielleicht auch noch seinen Beitrag leisten wollte. Aber das ging nicht, und jetzt raten sie mal, warum?“
„Keine Ahnung!“
„Sie hatte keine funktionsfähigen Eierstöcke. Die waren ihr wohl schon vor langer Zeit entfernt worden, wahrscheinlich aufgrund einer Krankheit.“
„Wusste ihr Mann davon?“
„Der Gerichtsmediziner meinte, wahrscheinlich schon, weil der ja gleich das Klonieren als Möglichkeit angab. Aber es kann auch gut sein, dass seine Frau es ihm verschwiegen hatte.“
„Das wirft die Frage auf, ob er es irgendwie herausbekommen hatte, und den Unfall sogar forciert hat, weil sie vielleicht gar kein Kind wollte, jedenfalls nicht so. Uiuiui.“
Der Kommissar pfiff durch die Zähne, und fuhr dann fort:
„Aber andere Zellen waren noch zu retten?“
„Offenbar schon. Jedenfalls wurde etwas an eine Fertilitätsklinik weitergeleitet, um dort einen Embryo zu erzeugen, der in eine Leihmutter eingepflanzt werden könnte.“
„Und das Ergebnis ist unsere junge Nachrichtensprecherin?“
„Ganz genau.“
„Haben sie sie gefragt, ob sie mit einer DNA-Analyse einverstanden wäre?“
„Soll ich?“
„Ich bitte darum. Hier kommt ja ein Fall zum anderen.“
„Und manches hätte man gar nicht bemerkt ohne Frau Wick.“
„Tja. Das kann noch interessant werden. Für alle Beteiligten.“
„Sie sagen es, Chef. Man lernt nie aus.“
„Nee. Wirklich nicht.“
„Eine Frage hätte ich noch, Herr Kollege!“
„Nur zu. Ich fürchte nur, dass ich ihnen über Frau Wick nicht noch mehr mitteilen kann.“
„Um sie geht es jetzt weniger als um die Patientenzeitschrift: Wie konnten sie eigentlich zulassen, dass da jemand offen einen Verdacht gegen jemanden namentlich anführt, der durch nichts belegt werden kann, zumal es sich ja um jemanden mit einer psychischen Beeinträchtigung handelt? Das grenzt doch schon an Rufmord!“
„Wieso namentlich?“
„Na hier, im letzten Satz von Frau Wick’s Artikel verleiht sie ihrer Vermutung den Ausdruck, „dass das Stalking durch Kaplan Oscar Farmer veranlasst wurde“, wortwörtlich.“
„Dann habern sie aber nicht die gedruckte Version vorliegen. Dort haben wir diesen Absatz nämlich herausgelassen, zugunsten eines „Könnt ihr das nachvollziehen?“, nach dem „heimlich“. Und danach folgt noch eine Anmerkung von mir. Haben sie die?“
„Nein, ich habe nur das, was mir Frau Wick zugemailt hat, vielleicht ihre Originalversion.“
„Ja, scheint so. Hier, ich gebe ihnen mal das gedruckte Exemplar. Sehen sie?:
Anmerkung Dr. Fried:
Liebe PatientInnen,
Dollys Geschichte ist sehr persönlich, und ich habe ihr geraten, diesen Beitrag in unserer Zeitschrift zu veröffentlichen, um ihre Ängste ablegen zu können. Möglicherweise könnt ihr ja ähnliche Geschichten erzählen, die sich wie ein Krimi lesen lassen, oder auch kommentieren.
In naher Zukunft wollen wir eine Lesegruppe aufbauen, die zu Diskussionen und Erfahrungsaustausch anregt, so wie sie sich zum Beispiel aus Dollys Artikel ergeben könnten. Dafür würde es uns freuen, wenn auch ihr eigene Beiträge einreicht, egal welche Form ihr wählt (kurz, lang, Geschichte, Gedicht, Dahingesagtes etc.) und wie viel oder wie wenig Kreatives oder Persönliches darin steckt. Alles ist richtig, solange es euch gut tut! Traut euch!
„Nun, das klingt schon ein bisschen harmloser. Wo liegt die Zeitschrift denn überall aus?“
„In meiner Praxis natürlich, im Wartezimmer, dann noch in ein paar anderen Praxen des Bezirks. Hier sollen ja die Leute für die Lesegruppe gefunden werden. Dann noch in der Sonnenschein-Klinik und natürlich in meiner Gemeinde. Dort will man uns die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.“
„Das ist welche Gemeinde?“
„Na die, zu der auch Dolly Wick und der Kaplan gehören. Dort hat sie mich ja gefunden, über das Gemeindeblatt.“
„Das ist aber noch ein anderes?“
„Ja, natürlich. Religiöse Themen behandeln wir in unserer Zeitschrift eher nebenbei, außer wenn jemand Erfahrungen darüber weitergeben will.“
„So wie Dolly Wick?“
„Ja, zum Beispiel. Und wir machen auch auf die Veranstaltungen der Kirchengemeinde aufmerksam, in den Tipps. Es überschneidet sich eben Einiges.“
„Schon klar. Aber dann ist es doch auch möglich, dass Kaplan Farmer Dollys Artikel in der Zeitschrift fand, oder irre ich mich da?“
„Das ist durchaus möglich. Nur kommt er mit der Lektüre eigentlich kaum hinterher. Ich denke, er hat, Pardon, hatte eher Präferenzen in Sachen Gemeindeleben und Theologie.“
„Herr Dr. Fried: Wenn es möglich ist, dass der Kaplan die Zeitung zu Gesicht bekam, dann kann er doch auch gesehen haben, dass eine Dolly Wick, die Dame, die er schon seit langer Zeit kannte, einen Artikel verfasst hat und hat ihn vielleicht deshalb auf seiner Prioritätenliste nach vorn verschoben. Wenn ich es hier richtig sehe, auf ihrem Exemplar, dann steht ja schon auf dem Titelblatt: „mit Beiträgen von M.Meier, T.Kruse, D.Wick, ..“ etc.. Dann müssen sie doch geradezu davon ausgehen, dass es ihn neugierig machte.“
„Ich muss gar nichts. Immerhin kannte ich ihn ja aus einem Gesprächskreis, den er und der Pfarrer führten. Weder dort noch drumherum kam die Rede jemals auf Frau Wick.“
„Das muss ganz und gar nichts heißen. Nehmen wir mal an, er hat sich sogleich ein Exemplar geschnappt und den Artikel gelesen. Dann merkte er doch auch ohne Namensnennung, dass er gemeint war. Einen anderen Kaplan gibt es dort doch nicht, oder?“
„Es gibt noch einen aus der Nachbargemeinde, der ab und zu einspringt, wenn z.B. jemand aus der Stammbesetzung im Urlaub ist. Aber ausschließen lässt es sich tatsächlich nicht, dass er sich erkannte. Da haben sie recht, Frau Dr. Ingold.“
„Sehen sie jetzt die Gefahr beim Veröffentlichen solcher Artikel? Die müssten schon anders lektoriert werden! Vielleicht haben wir da ja doch das Motiv für einen Selbstmord.“
„Oder, dass jemand heimlich den Rächer spielen wollte, für das, was Dolly angetan wird?“
„Tja, der Leserkreis ist ja nicht wirklich klein. Hoffentlich kann die Polizei den Kreis der Verdächtigen etwas kleiner halten.“
„Meinen sie, ich sollte die ausgelegten Exemplare dieser Nummer wieder einsammeln?“
„Ich würde das tun, ja! Zumindest solange, bis der Fall geklärt ist. Und sie sollten unbedingt auf der nächsten Redaktionssitzung über diese Gefahren reden und neue Regeln festlegen, was toleriert werden kann und was nicht. Sonst bekommen sie bestimmt noch Ärger.“
„Den habe ich ja jetzt schon.“
„Ich beneide sie nicht um die Situation, in der sie jetzt stecken. Trotzdem erstmal vielen Dank für die Auskünfte. Vielleicht bleiben wir ja noch telefonisch in Kontakt. Kann ja sein, dass ihnen noch etwas einfällt zur Aufklärung des Falls. Ich muss jetzt leider gehen, ich habe noch einen Termin. Aber ein gedrucktes Exemplar vom „Weltirrsinn“ kann ich noch mitnehmen, oder?“
„Ja natürlich. Nehmen sie ruhig mehrere. Mir ist wohler, wenn ich sie in kompetenten Händen weiß.“
„Für Erkenntnisse ist es nie zu spät! Dann nehme ich mal drei, auch für die Polizei.“
„Wenn´s hilft.“
„Das wird es sicher. Und stellen sie sich lieber gleich auf neue Nachfragen ein. Für heute reicht es ja erstmal. Dann also Tschüss“
„Auf Wiedersehen, Frau Dr. Ingold. Es war mir eine Freude, sie kennenzulernen. Vielleicht können wir ja nochmal zusammenarbeiten.“
„An Kriminalfällen bestimmt! Au revoir!“.
Tagebucheintrag:
Ich kann einfach nicht schlafen; schreiben eigentlich auch nicht, aber irgendwie scheint es mir die beste Lösung, um meine Gedanken zu ordnen. Vorhin war sie wieder da, die Nachrichtensprecherin, in der Nachtausgabe, Kirsten Schuster heißt sie. Sie sieht mir wirklich sehr, sehr ähnlich, ist aber höchstens halb so alt wie ich. Und die Haare habe ich auch nie so getragen, kurz, gewellt, war das Hennabraun? Bestimmt gefärbt! Aber das Gesicht lässt mir keine Ruhe. Wenn da tatsächlich was mit Klonen war, wie und wann könnte das geschehen sein? Gefragt hat mich jedenfalls niemand! Da müssten doch Zellen von mir genommen und irgendwo aufbewahrt worden sein. Das hätte ich doch mitbekommen, oder kann man sie von einer Zahnbürste isolieren, meine DNA Stück für Stück zusammensetzen? Wäre doch ganz schön aufwändig, und wofür? Zahnbürsten sind mir ja nicht selten abhanden gekommen, aber ich habe nie nach ihnen gesucht. Ab und zu braucht man ja eh eine neue. Nur eigentlich glaube ich das auch nicht, dass es so lief. So viele Gäste hatten wir ja hier gar nicht, und der Einbrecher war wohl eher auf Wertgegenstände scharf. Der hat mir auch ganz schön zugesetzt, so im Nachhinein. Das ewige Warten auf die Polizei, nur um festzustellen, dass sie auch keinen Verdächtigen ausfindig machen konnten. So eine Meldung wäre doch nur für die Versicherung relevant gewesen, wenn ich eine gehabt hätte. Reine Zeitverschwendung, für Nichts. Jetzt haben sie etwas mehr zu tun. Hauptsache, sie nehmen es ernst.
Mir fällt gerade ein: mein einziger Krankenhausaufenthalt, das einzige Mal, wo ich wirklich unter Narkose war, bewusstlos, in einem katholischen Krankenhaus, da hätte es sein können, dass man mir Zellen entnahm. Es war ja eine Brustoperation, und wenn ich so an Klonschaf Dolly denke (verdammt, ich darf mich wirklich nicht verrückter machen als es ist, nur wegen dieses Namens), wenn ich also an dieses Schaf denke: dort wurden doch Zellen aus dem Euter entnommen, der erste somatische Zelltransfer. Weiß der Himmel, ob da nicht ein Arzt .. Nein, ich muss Schluss machen, sonst lande ich noch bei Gruselfilmen wie Rosemary´s Baby. Dort steckte doch eine Sekte dahinter. Es gibt ja Leute, die die Kirchen und ihre Angehörigen auch als große Sekte bezeichnen, und ein bisschen verstehe ich das auch. Irgendwie werden da ja viele in Abhängigkeit gehalten. Aber dass es so schlimm war, das kann und will ich mir einfach nicht vorstellen!
Ob ich die Nachrichtensprecherin mal anschreibe? Oder die Polizei frage, ob die das übernehmen könnten? So verwunderlich finde ich es gar nicht, dass mich das alles so verwirrt. Und das Stalking war ja da, dafür habe ich auch noch keine Erklärung.
Nur wenn irgendeine meiner Vermutungen stimmt, was dann? Ich muss da unbedingt nochmal mit Dr. Fried drüber reden. Allein kann ich damit nicht fertig werden, und an Ricki möchte ich es gar nicht erst ran kommen lassen. Der ist noch genug mit seinen eigenen Beziehungen beschäftigt.
Scheiß-Technik, auf mich wirkt die alles andere als beruhigend.
So, jetzt mache ich erstmal Schluss. Ich will das „Monster“ gar nicht füttern. Vielleicht erfahre ich ja morgen etwas über den Kaplan, wenn ich nicht zu müde bin für den Besuch. Ich hasse es, nicht durchschlafen zu können. Muss mir wohl irgendein langes Hörbuch in den CD-Player legen. Da schlafe ich ziemlich zuverlässig ein, weil ich mich nicht so lange konzentrieren kann. Meditationsmusik, Märchen oder Gedichte? Ich guck mal, was ich finde.
„Möchten sie sich nicht der Trauergruppe anschließen, aus der Gemeinde?“
Dolly sah betroffen zu, wie Gisela Farmer ihre Tränen mit einem altmodischen, sehr großen Leinentaschentuch abtupfte und nach einem darauffolgenden herzhaften Hineinschneuzen wieder Blickkontakt zu ihr aufnahm.
„Auf keinen Fall! Da nicht!“
„Warum nicht? Wird sie nicht von Pfarrer Steffen geleitet? Der hat doch auch ein großes Einfühlungsvermögen.“
„Frau Perez leitet sie jetzt. Und die ist doch an allem Schuld. Ach hätte ich Oscar doch überzeugen können, von ihr Abstand zu halten.“
„War etwas zwischen den beiden? Wieso ist sie schuld?“
Die Schwester des Kaplans wischte sich noch einmal mit dem Taschentuch die Nase ab und atmete tief durch, bevor sie antwortete:
„Die beiden haben sich schon seit längerer Zeit gestritten. Wir haben eine Gesprächsgruppe in der Gemeinde, zu Fragen der modernen Gesellschaft und wie die Gemeinde sich darauf einstellen sollte. Wollen sie vielleicht noch einen Kaffee? Ich kann nochmal neuen aufsetzen.“
„Ach lassen sie nur, ich glaube es reicht noch für uns beide. Oder wollen sie ..?“
„Nein, soviel trinke ich auch nicht auf einmal. Ich habe es so dosiert, wie ich es von Oscar gewohnt bin.“
Wieder begann ihre Stimme zu stocken, und Dolly versuchte, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.
„Worüber haben sie denn gestritten. Der Kaplan war doch eigentlich ein sehr zurückhaltender, ausgeglichener Mensch.“
„Ja, das war er. Deshalb konnte er sich ja auch niemandem gegenüber durchsetzen, oder sich distanzieren.“
Dolly wartete schweigend, bis Frau Farmer nach nochmaligem tiefen Atmen fortsetzte:
„Im Grunde ging es um sie.“
„Um mich?“
„Ja, im Grunde war es so. Die beiden stritten darüber, wie weit man künstliche Befruchtung zulassen sollte und ob man nicht lieber auf Leihmütter zurückgreifen sollte, um einem Paar hren Kinderwunsch zu verwirklichen.“
„Leihmütter sind doch bei uns verboten, aus gutem Grund, finde ich.“
„Ach was heißt schon verboten? Frau Perez ist reich. Sie unterhält sogar eine Stiftung, die die Kosten von Leihmutterschaften übernimmt, wenn es jemand wünscht. Die Leihmütter werden dann im Ausland gefunden.“
Dolly geriet ins Grübeln. „Und was habe ich jetzt damit zu tun?“
„Warten sie, ich brauche jetzt selbst noch einen Kaffee. Geben sie mir eben die Sahne?“
Dolly reichte sie ihr.
„Es ist so: Frau Perez zahlt nicht jedem die Kosten. Sie behält sich ein Mitspracherecht vor, wessen Eizellen mit wessen Samenzellen befruchtet werden sollen. Und in diesem Gesprächskreis ..“
„Verzeihen sie, dass ich sie unterbreche, Frau Farmer, aber haben sie diese Informationen von ihrem Bruder?“
„Nein, ich war meistens mit dabei. Der Kreis ist ja für alle offen. Wir haben nur zuhause manchmal noch darüber geredet.“ Sie stockte und ergänzte verhalten: „Nur leider nicht genug, Oscar wollte es nicht ausweiten.“
„Verständlich!“
„In diesem Kreis also offenbarte Frau Perez, dass es doch schön wäre, wenn wieder mehr blonde, blauäugige Kinder auf die Welt kämen, und am besten solche mit einer vielversprechenden Physiognomik der Eltern.“
„Physiognomik?“
„Das ist das Lesen des äußeren Erscheinungsbildes, insbesondere des Gesichts und das Schließen auf den Charakter, der dahinter steckt.“
„Das klingt ziemlich altbacken und rassistisch. Haben nicht auch die Nazis entsprechende Messungen veranstaltet, um dann nach Wunsch aussortieren zu können?“
„Das ist richtig. Aber Frau Perez beruft sich vor allem auf die Ansichten von Pater Lavater aus dem 18. Jahrhundert. Er suchte nach den „Buchstaben des göttlichen Alphabets“, wie er es nannte, und wollte mit der Zusammenstellung äußerer Merkmale Menschenkenntnis und Menschenliebe fördern.“
„Sozusagen jedem seinen Platz in der göttlichen Ordnung zuweisen?“
„Kann man wohl so sagen.“
„Und da spiele ich eine Rolle?“
„Wissen sie, Dolly. Sie und mein Bruder haben sich ja schon vor sehr langer Zeit kennengelernt. Und Frau Perez war da bereits in unserer Gemeinde.“
Dollys Gesicht verwandelte sich in ein Fragezeichen, während Gisela fortfuhr:
„Oscar und sie passen total in ihr Schema. Sie wollte sie beide verkuppeln.“
„Uns verkuppeln? Ich war doch verheiratet, und hatte jahrelang keinen Kontakt zum Kaplan. Er kam mir erst wieder nach meiner Scheidung in den Sinn, durch merkwürdige Begegnungen auf der Straße. Und dass sie uns quasi vis a vis gegenüber wohnten, davon wusste ich nichts. Ich habe es erst von der Polizei erfahren.“
„Sie wussten nichts von uns. Aber es war schon so, dass wir ihre Adresse kannten. Sie stehen ja noch im Gemeindeverzeichnis. Und Oscar machte sich nicht selten Gedanken über sie, wenn er am Fenster stand und in ihre Richtung blickte. Er hat es nie gesagt, aber ich kenne meinen Bruder, ich kannte ihn.“
Wieder unterbrach ein Schluchzen ihre Rede, und Dolly streichelte Giselas Arm, um sie zu trösten. Ihr Blick fiel auf die Astroemerien.
„Sie sind wirklich schön, ihre Blumen. Sie würden ihm gefallen.“
„Vielleicht sieht er sie ja von oben.“
„Bestimmt. Also zurück zu Frau Perez. Ich wünschte, sie wäre nie nach Deutschland gekommen.“
Dolly nickte.
„Frau Perez wollte uns also verkuppeln. Hat sie das gesagt?“
„Nicht direkt. Aber ich habe es aus jedem ihrer Worte herausgehört. Und dann begann sie mit diesem Hirtentheater.“
„Den Hirtenliedern, die wir mal im Chor einstudiert haben?“
„Ja, da waren sie ja noch dabei.“
„Das ist doch schon ewig her.“
„Nicht so lange, dass Frau Perez sie vergessen hätte. Sie vergisst nie jemanden, mit dem sie noch etwas vorhat. Sie ist die perfekte Strippenzieherin.“
„Hat sie etwas mit dem Stalking zu tun, das ich wahrgenommen habe? Ich dachte schon, ich spinne.“
„Ja, sie ist sehr erfinderisch, wenn sie etwas erreichen will. Sie hat in unserer Gemeinde angeregt, doch mal ein Theaterstück aufzuführen, im Stil der alten Hirtendichtung, mit der spröden, abweisenden Geliebten, meist einer Schäferin, die von einem Liebenden umworben wird, der sich völlig nach ihr verzehrt und unter der unerfüllten Liebe leidet.“
„Und ich sollte mitspielen?“
„Gewissermaßen ja. Ein Teil unserer Herren ist sehr theaterfreudig. So waren sie auch leicht dafür zu gewinnen, schonmal im realen Leben Begegnungen herbeizuführen und das Anschmachten zu üben. Sie waren das auserwählte Objekt dafür. Die meisten ahnten nicht warum, erinnerten sich nur an ihre Stimme im Chor, die sie gern wieder dabei haben würden. Aber ich ahnte das, dass Frau Perez noch anderes im Sinn hatte. Hätte Oscar nur Nein gesagt dazu.“
„Er wollte mitspielen?“
„Das nicht. Er hätte sich wahrscheinlich niemals auf die Bühne getraut. Aber er unterstützte das Hirtentheatervorhaben, fand, dass es zu unserer Gemeinde passt, und wenn es den Leuten doch solchen Spaß macht, ..“
„Dann würde man es nicht verbieten, richtig?“
„Ich habe gleich gedacht, das geht nicht gut. Aber mein Bruder war unbelehrbar, als hätte sich etwas in seinen Kopf gesetzt.“
„Ich?“
„Er war wohl doch ein bisschen verliebt in sie, zumindest besonders interessiert. Von ihrer Scheidung wusste er übrigens.“
„Auch aus dem Gemeindeverzeichnis?“
„Da steht´s drin, und er studierte es regelmäßig.“
„Dann fand das Stalking also real statt und ging zurück auf Frau Perez?!“
„So würde ich es sehen. Können wir eine Pause machen?“
„Ja. Ich muss eigentlich auch gleich gehen. Wir können uns ja auch ein anderes Mal weiter unterhalten.“
„Nein, nein. Bitte bleiben sie! Ich möchte ihnen auch noch den Rest der Geschichte erzählen. Ihre Anwesenheit tut mir ganz gut. Vielleicht kann ich damit auch wieder gut machen, dass ich sie nicht vorher informiert habe. Glauben sie mir, ich stand schon einige Male kurz davor. Ich möchte jetzt nur ein bisschen frische Luft schnappen. Kommen sie, ich zeige ihnen meine Balkonblumen. Die werden sie mögen. Derweil lassen wir noch einen Kaffee durchlaufen.“
„Wir sollten die beiden zusammenbringen. Meinen sie, dass sie es verkraften?“
„Die junge schon, sie weiß ja, dass sie nicht natürlich entstanden ist. Aber Frau Wick? Es könnte sie schon noch schocken.“
„Oder stolz machen?“
„Wir werden es sehen. Lassen sie es uns versuchen, Bertram. Immerhin haben ja beide gesagt, dass sie die Aufklärung wünschen.“
„Enger können Schicksalsfäden ja auch kaum umeinander geschlungen sein.“
„Klingt beeindruckend. Wo haben sie das denn gelesen?“
„Vielleicht eher gehört, im Literaturtalk. Tja. Sollten wir die These vom Mord an der leiblichen Mutter erwähnen, Kommissar? Die steht ja noch im Raum. Nur so richtig klar ist da eigentlich nichts.“
„Genau deshalb heben wir uns das besser für später auf. Noch haben wir kaum Indizien. Und über laufende Ermittlungen schweigt man lieber.“
„Aus guten Gründen.“
„Sie sagen es, Bertram, aus guten Gründen! Schließlich ist da noch alles offen. Und zusätzlich Unruhe schaffen, das muss nicht sein. Die beiden werden erstmal genug mit sich selbst zu tun haben. Fassen sie doch mal zusammen, was gesichert ist. Und ich überlege, ob wir es ihnen so sagen können.“
„Jetzt?“
„Ja bitte, Bertram, wann sonst? Wir haben schließlich noch anderes zu bearbeiten.“
„Na gut, dann also:
Kirsten Schuster ..“
„Die Nachrichtensprecherin“
„Genau, die junge Nachrichtensprecherin, 19 Jahre alt, hat exakt die gleiche DNA wie Dolly Wick. So ist das Laborergebnis. „
„Das dürfte nicht leicht zu verdauen sein für unsere ehemals Verdächtige.“
„Jou. Der Hauptzeuge dafür, der damals die Zellen in Verwahrung genommen hat, ein Doktor Peters, übrigens Studienkollege von Dr. Fried, ist voll geständig und hat uns auch sämtliche Unterlagen aus dem Labor zur Einsicht zur Verfügung gestellt. Das wohl Interessanteste daran ist die Verbindung zur Kirchengemeinde über Frau Perez, die dort offensichtlich eine ganze Embryonenbank mitfinanzierte und zudem eine Stiftung unterhält für Paare, die nach Leihmüttern suchen.“
„Ist sie ebenfalls geständig?“
„Ja. Und sie sieht keinen Konflikt mit dem Gesetz dabei, da das Vermitteln ja nicht verboten ist und die entsprechenden Leihmütter im Ausland gefunden werden und auch dort die Babies zur Welt bringen.“
„Da müssen wir nochmal in unserer Rechtsabteilung nachfragen. Weiter, zurück zu unserem Mutter-Tochter-Duo. Was wissen wir über das Zustandekommen konkret?“
„Wir haben alle, die dort im Labor arbeiten, befragt und stießen dabei auf eine etwas ältere Laborassistentin, die meinte, es müsse sich um eine Verwechslung gehandelt haben. Es wurde nicht das Erbmaterial der verstorbenen Frau Schuster implantiert, ..“
„.. also nicht vom Unfallopfer, dessen Zellen ihr Ehemann entnehmen ließ ..“
„.. sondern das von Dolly Wick, das dort gelagert war.“
„.. und wie dort hingekommen ist?“
„Offenbar hatte Frau Perez schon seit langer Zeit eine Genbank aufbauen lassen, sie unterstützte sowohl die Anlage einer Samenbank, als auch einer mit Eizellen. Und laut Aussage der Laborassistentin hatte man sich nach Klonschaf Dolly damit beschäftigt, auch aus anderen Zellen Embryonen erzeugen zu können. Dafür wurden Kulturen aus allen möglichen Zellen angelegt, die dem Krankenhausbetrieb entstammten.“
„So sollten dann also Designerbabies geschaffen werden, ganz nach Wunsch der Eltern? Ich glaube, hier müssen wir gar nicht erst bei der Rechtsabteilung nachfragen, sondern leiten es gleich an die Staatsanwaltschaft.“
„Ich muss noch ergänzen, Herr Kommissar.“
„Bitte!“
„Dolly Wicks Zellen sind ihr wahrscheinlich bei einer OP entnommen worden, zu der sie sich dort aufhielt. Das fanden wir im Archiv der Krankenhaus-Akten, zu dem das Labor gehört.“
„Da waren sie ja fleissig, Bertram. Wusste Frau Wick davon?“
„Wahrscheinlich nicht. Wir können sie ja fragen.“
„Sollten wir wohl. Haben wir jetzt erst einmal alles, was wir weitergeben können?“
„Das wird wohl reichen fürs erste. Und sie haben doch selbst gesagt: über laufende Ermittlungen kann man nicht alles weiter berichten.“
„Hmhm. Na, das wird ja ein interessantes Mutter-Tochter-Treffen. Diesmal keine „Ich bin dein Vater, Luke!“-Geschichte, sondern das Pendant.“
„Ist schon ein Hammer. Soll ich dann also einen Termin mit den beiden ausmachen?“
„Ja, machen sie das. Aber dann gehen wir erstmal los. Immerhin können wir schon etwas abschließen, was geklärt ist.“
„Ach herrlich, weiße Geranien. Die gedeihen ja prächtig. Wie bei meiner Oma früher. Ich glaub´ , ihr Geheimnis war Eierschalenwasser.“
„Das habe ich früher auch genommen. Aber jetzt sind es einfach nur Düngestäbchen. Die heutige Chemie macht .. Warten sie, ich glaube, es hat geklingelt. Bin gleich wieder da.“
„Guten Tag, Frau Farmer! Dürfen wir hereinkommen? Wir haben etwas für sie, etwas sehr Interessantes.“
„Jaja, natürlich. Ich habe nur gerade Besuch. Dolly Wick ist vorbeigekommen.“
„Ach Frau Wick. Na, uns macht das nichts aus. Dann kann sie gleich mithören, wie weit wir sind. Wenn es für sie okay ist? Sonst müssten wir sie einzeln auf´s Revier bestellen.“
„Ich glaube, das wird nicht nötig sein. Wir haben ja auch gerade neuen Kaffee aufgesetzt. Sie trinken doch einen mit?! Dolly?“
Dolly kommt vom Balkon und blickt erstaunt.
„Guten Tag, Frau Wick. Das ist ja ein Zufall, dass wir uns hier treffen. Wollen sie bleiben? Sie können sich ja denken, dass es um Oscar Farmer geht und somit auch um sie. Ginge das?“
Dolly blickt fragend zu Frau Farmer. Diese nickt mit einem leicht erzwungenen Lächeln, bevor sie Dolly und die Polizisten an den Kaffeetisch bittet.
„Ich habe leider keine Kekse im Haus. Vielleicht greifen sie einfach zu den Weintrauben.“
„Vielen Dank, gern.“
Unmittelbar nachdem jeder Platz genommen und eine von Frau Farmer befüllte Kaffeetasse vor sich hat, kommt der Kommissar mit einem verlegenen Räuspern zum Thema:
„Wir haben einen Abschiedsbrief gefunden, hier ist ein Ausdruck.“
Er schiebt eine Seite billigen Papiers zu Frau Farmer, die sich zunächst verwundert.
„Aber Oscar hat nie solches Papier verwendet, auch nicht im Gemeindebüro. Er war der Meinung, dass das geschriebene Wort immer einen würdigen Untergrund bräuchte, sonst würde es nicht ernst genommen. Das hier ist vielleicht nicht von ihm!“
„Ich glaube, das können wir ausschließen. Offenbar hat er diesmal einen anderen Weg gefunden. Bitte sehen sie ihn nicht als weniger würdig an. Wir fanden den Brief auf einer Micro-SD, einer sehr kleinen Speicherkarte, die er ins Innere einer Gelatinekapsel gebettet und verschluckt hat, so wie sie es wahrscheinlich von Medikamenten kennen. Er rechnete offenbar mit einer Obduktion und wollte sichergehen, dass das Schreiben gefunden wird.“
„Dann hat er sich also doch selbst ..?!“ Dolly unterbrach sich, während Frau Farmer nach einem Taschentuch fingerte.Während sie sich in den Ausdruck versenkte, den der Kommissar ihr gereicht hatte, zerknüllte sie es nervös in ihrer Hand.
„Ja, das sehen wir jetzt, mit dem Auftauchen dieses Schreibens als gesichert an. Diesbetreffs können wir den Fall nun also abschließen.“
„Dann kann ich jetzt also nichts mehr zur Aufklärung beitragen?“
„Nein, Frau Wick. Allerdings würden wir sie gern nochmal zu einem Termin bitten, mit der jungen Nachrichtensprecherin.“
„An die wollte ich mich eigentlich auch wenden. Haben sie schon etwas von ihr erfahren bzw. über sie?“
„Mehr als ihnen vielleicht lieb ist. Trauen sie sich zu, noch eine Wahrheit mehr zu verkraften?“
„Ja, also, ich weiß nicht. Das kommt darauf an. Ist es denn etwas Schlimmes?“
„Ich möchte es ihnen lieber unter uns sagen, und im Beisein der jungen Dame. Dazu müssen wir noch einen Termin ausmachen. Sie ist bereits angemailt.“
„Na gut.“ Dolly schlürft nachdenklich etwas Kaffee.
Ein Schweigen erfüllt den Raum, während Frau Farmer sich von den Zeilen ihres Bruders noch nicht lösen kann.
weiterzuleiten an meine Schwester Gisela Farmer:
Liebe Gisi,
vielleicht erreicht dich dieses Schreiben nie, obwohl ich denjenigen, der es findet hiermit ausdrücklich darum bitte, es dir zu überbringen.
Erst wollte ich nichts hinterlassen, denn ich ging davon aus, dass an meinem Freitod kein Zweifel bestehen würde. Dann aber dachte ich an dich, und deinen Glauben. Du würdest es für eine Sünde halten, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Und wie ich dich kenne, würdest du es auch fertigbringen, einen normalen Abschiedsbrief verschwinden zu lassen, um den Anschein zu bewahren, dass ich bis in den Tod ein folgsamer Katholik war, der sich niemals am Glauben versündigen würde. So kam ich auf die Idee mit der Lachsöl-Kapsel, magensaftresistent und somit mit einer guten Chance, gefunden zu werden, sollte ich obduziert werden. Das ist nun vielleicht geschehen.
Gisi, ich danke dir für all die Mühen, die du auf dich genommen hast, damit wir zusammenleben können. Der Herr wird es dir eines Tages, eines fernen Tages hoffe ich für dich, lohnen. Was ich dir an materiellen Werten hinterlasse, kann das gewiss nicht aufwiegen.
Vielleicht hast du manches Mal mehr über mich gewusst als ich selbst und so manches geahnt.
Dennoch möchte ich, dass du hiermit endgültig zur Kenntnis nimmst, dass ich Dolly Wick tatsächlich liebte, und das seit unserer ersten Begegnung, wo sie noch ein Mädchen war. Es gab eine Zeit, wo ich um ihre Hand angehalten hätte, hättest du nicht meine Karriere in Richtung Kirchenlaufbahn gelenkt und mir gar keine Zeit gelassen, mich wirklich frei zu entscheiden. Vielleicht hast du ja einfach nur deine Pläne durchgesetzt, für immer mit mir zusammenleben zu wollen. Das hatte ja auch für uns beide Vorteile, auch wenn ich deine Karriereambitionen für mich nicht hinreichend erfüllen konnte.
So bekam ich nur mit Abstand mit, wie sich Dolly entwickelte und aus ihr die junge Frau und Mutter wurde, zu der ich sie gern gemacht hätte. Aber du hattest die Würfel für deine eigenen Zukunftsvorstellungen fallen lassen. Mir blieb keine Wahl. Doch ich will es dir nicht verdenken.
Als ich aus dem Gemeindeblatt ersah, dass Dolly geschieden ist, keimte nochmal ein wenig Hoffnung in mir auf, dass ich ihr nochmals näher kommen könnte. Das Hirtentheater von Frau Perez kam mir da nur recht, auch wenn ich ihren Experimenten sehr kritisch gegenüber stehe, wie du weißt. Mir gefiel das Engagement, mit dem sie (Dolly) unserer Gemeinde wieder angenähert werden sollte. Der Gedanke, dass es ihr nicht gefallen könnte, kam mir dabei gar nicht. Vielleicht war meine Brille doch wieder von einem zu rosa getönten Schleier überzogen.Als ich dann aber ihren Beitrag im „Weltirrsinn“ las, und ich merkte, dass sie das Ganze als Stalking auffasste und sehr darunter litt, wurde mir klar, dass es keinen Ausweg gibt, dass ich gar nicht versuchen bräuchte, es ihr zu erläutern, dass sie es wahrscheinlich niemals verstanden hätte, auch wenn das Theater nicht fortgesetzt würde. Ich wäre für sie auf ewig gestorben.
Vielleicht, meine Liebe, wirst du nun verstehen, dass ich nicht weiterleben wollte wie zuvor, vielleicht auch nicht. Ich bin mir sicher, dass du mein Begräbnis perfekt organisieren wirst und mein Ansehen als Kaplan dank deiner Hilfe keinen Schaden nehmen wird. Zudem hoffe ich, dass du mit meinen Rentenansprüchen hinreichend versorgt sein wirst. Ein entsprechendes Dokument zu deinen Gunsten ist ja beim Notar hinterlegt wie du weißt.
Trauere nicht allzu lange. Vielleicht findet sich ja noch jemand anderes für dich, den du umsorgen kannst wie du es bei mir getan hast. Ich danke dir für dein Engagement, liebe Gisi, und wünsche dir alles Gute und dass du gesund durchs Leben kommst.
Dein Os
P.S. Wenn du vielleicht noch etwas für mich tun möchtest, dann händige Dolly Wick doch bitte meine Briefe aus, die ich an sie geschrieben und nie abgeschickt habe. Du weißt, wo sie sind, und kennst sicher auch ihren Inhalt. Ein bisschen haben wir uns ja doch kennengelernt in all diesen Jahren. Gott ist unser Zeuge und wird hoffentlich auch mir verzeihen. Bete gern dafür! O.
„Fertig, Frau Farmer?“ Der Kommissar blickte in das bleiche Gesicht der Schwester des Kaplans, das nun wirkte, als hätte sie die erste Geisterbahnfahrt ihres Lebens überstanden. Ihre Hände zitterten.
„Frau Farmer, wir sind immer noch mit der Stuhlfrage beschäftigt, da ..“
Mit leerem Blick sah Frau Farmer zum Polizisten und antwortete roboterhaft:
„Der Stuhl, das war ich. Ich wollte nicht, dass es als Selbstmord durchgeht. Wir haben eine Lebensversicherung, mit einer Klausel, ..“. Sie stockte und ließ schweigend ihre Tränen über die Wangen laufen.
„Eine Klausel, die besagt, dass im Falle einer Selbsttötung nichts ausgezahlt würde?“
Sie nickte stumm, während Dolly ihr über die Schulter strich.
„Dann hätten wir das ja geklärt. Leider können wir es nicht unerwähnt lassen. Aber wir könnten ihnen einen tüchtigen Anwalt empfehlen. Der hat schon manche Klausel erfolgreich angefochten. Können wir sie jetzt erst einmal allein lassen? Vielleicht kann Frau Wick ja noch ein bisschen bleiben?“
Der Kommissar versuchte, Dolly unmerklich zuzunicken.
„Könnten sie uns noch kurz zur Tür begleiten, Frau Wick?“
Mit einem entschuldigenden Lächeln zu Frau Farmer erhob sich Dolly, um die Polizisten hinauszugeleiten.
„Wir sehen uns ja dann noch einmal mit ihrer Tochter.“
„Meiner Tochter?“
„Ja, jetzt ist es raus. Vielleicht machen sie gleich noch einen Termin mit Dr. Fried aus, oder wir könnten ihn auch einbestellen zum „flotten Dreier“. Pardon, das ist natürlich nicht lustig für sie!“
„Ja, ich ..“ stammelte Dolly. „Dann bereite ich mich wohl schonmal vor. Auf alles.“
„Neue Beziehungen können durchaus gut tun!“
„Oder erst mal ihre Reise!“ ergänzte Bertram.
„Bis in Kürze also, Frau Wick. Und vielleicht könnten sie ja noch den Pfarrer anrufen, ob er Frau Farmer übernehmen kann. Sie müssen ja auch etwas zur Ruhe kommen.“
„Hmhm.“ Dolly nickte zustimmend und immer noch leicht verstört.
Nach einem kurz von den beiden Polizisten ins Wohnzimmer gerufenen „Alles Gute, Frau Farmer!“ begab sie sich nochmals zu dieser und nahm schweigend auf dem Sofa Platz.
Tagebucheintrag:
Gisela hat mir das Du angeboten. Aber ich möchte eigentlich nicht. Das war beim Rausgehen, als wir uns an der Tür verabschiedeten. Sie umarmte mich nochmal, und ich wagte es nicht es abzuwehren. Sie braucht ja noch Trost und hat eine Menge zu verdauen. Das habe ich allerdings auch.
Gerade habe ich die ersten Briefe gelesen aus dem Stapel, den sie mir mitgegeben hat, auf Geheiß ihres Bruders, sagte sie. Ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll. Es scheinen Liebesbriefe an mich zu sein, die er nie abgeschickt hat. Eigentlich ganz süß geschrieben. Wenn er mir etwas bedeutet hätte, hätte ich mich wahrscheinlich riesig darüber gefreut. Tayo hat mir ja nie welche geschrieben. Schade dass wir geschieden sind, sonst hätte ich sie ihn vielleicht auch lesen lassen, so als Anregung, was ich schön fände. Jetzt aber bin ich doch sehr verunsichert, mixed emotions. Den letzten (vom Datum her) habe ich schonmal vorgezogen. Darin erläutert er seine Fantasie, wie hübsch ich in der Tracht einer Schäferin aussehen würde, in diesem Hirtenstück, was für die Gemeinde geplant war. Vielleicht war er doch ein bisschen verrückt nach mir. Aber mir ist nicht wohl dabei, im Grunde geht es mir ausgesprochen schlecht. Es läuft ja wohl doch darauf hinaus, dass sich da ein Mensch umgebracht hat, weil es mich gibt. Das ist wirklich Scheiße!
Und was der Kommissar da angedeutet hat, das macht mich auch nicht viel fröhlicher.Vielleicht hängt ja alles irgendwie zusammen. Werd´ ich ja sehen.
Ich bin froh, dass ich Ricki habe, wenigstens eine verlässliche Säule, auch wenn man bei Pubertisten ebenfalls oft ins Staunen gerät, wie sie sich so entwickeln, von Voraussagbarkeit keine Rede. Aber so ist wohl das Leben: nie so durchschaubar, wie ich es eigentlich gern hätte. Seufz!