
Zoo Firma, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons (farblich verändert, Text ergänzt)
Perfektionswahn
Das Rohmaterial für Evolution bzw. für Fortschritt ist Vielfalt!
Daher kann es auch nicht gut sein, wenn sich Menschen, die dogmatisch eine ganz bestimmte Meinung oder ein ganz bestimmtes Weltbild haben, danach trachten, die Welt dementsprechend zu perfektionieren.
Was von Sozialdarwinisten und weiteren geistig Verblendeten immer wieder falsch gemacht wird, ist es, optimieren zu wollen ohne die Umwelt zu berücksichtigen, genauer gesagt: ohne zu beachten, dass unsere gesamte Umwelt, auch die nicht-menschliche einer ständigen Änderung unterworfen ist, auf die wir nur einen äußerst geringfügigen Einfluss haben.
Nehmen wir als Beispiel die sogenannten „lebenden Fossilien“: In all diesen Populationen stellt man einen hohen Grad an Inzucht fest. Inzucht ist das Optimierungsmittel, die Perfektion für die Anpassung an einen gleich bleibenden Lebensraum. Entsprechend findet man diese Arten an Stellen, die tatsächlich Jahrmillionen keine Änderung erfahren haben wie z.B. die Tiefsee. Wird nun aber (z.B. durch menschliche Eingriffe) dieser Lebensraum einer Änderung unterworfen, dann sterben diese Arten in kurzer Zeit aus, ihre ehemals optimale (An)Passung erlischt. Stattdessen vermehren sich dann andere Arten, die mit den neuen Bedingungen besser zurechtkommen, z.B. weil sie sich flexibler auf verschiedene Temperaturen einstellen können (mensch denke nur an die Effekte des Klimawandels).
Ebenso wenig ist auch die angestrebte Perfektion bei der Schäferhundzucht dem Einfluss der Umwelt entzogen. Einige argumentieren, die Eigenschaften eines Schäferhundes können nur perfektioniert werden und würden sich durch Einkreuzen stets verschlechtern. Was für ein Unsinn! Abgesehen von Inzuchtschäden, diedurch die Mechanismen der Vererbung entstehen –so sind den Züchtern Hüftdysplasie und andere genetische Krankheitsanlagen als Begleiterscheinungen wohl bekannt – kann jedes Lebewesen, so auch das vermeintlich optimierte in eine Umwelt geraten, zu der es nicht passt.
Das Züchten selbst mag noch in der Macht der Züchter liegen, wobei ich das direkte Eingreifen ins Erbgut, wie es jetzt ja möglich ist, als recht bedrohlich empfinde. Aber über den Wandel der Umwelt wird kein Mensch wirklich jemals Macht ausüben können, und aufgrund seiner Komplexität wird er auch nie wirklich voraussagbar sein, jedenfalls nicht langfristig.
Auf Perfektion bzw. Optimierung zu setzen ist eine Sackgasse. Sie mag ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben, dieses wird jedoch irgendwann ablaufen, das „optimale Produkt“ passt dann nicht mehr. Mutationen entstehen zufällig und werden immer irgendwann auftauchen. Wohl dem Hunde, der durch Einkreuzung eine höhere Resistenz erworben hat. Passend dazu erscheint auch die (statistisch belegte) längere Lebenserwartung von Mischlingshunden gegenüber den Zuchtrassen, ihren Menschen zum Wohl!
Die Rolle der Zeit ist ein sehr gewichtiger Mitspieler im „großen Spiel“!
Mit der Zeit kommt Änderung, definitiv, egal wie wir uns verhalten. Unser Einfluss auf das große Ganze ist sehr klein, am bedeutendsten ist er vielleicht noch in Hinblick auf das Tempo, wobei Überschleunigung durchaus fatal wirken kann. Das beste Beispiel dafür sind die Auswirkungen des Menschen auf den Klimawandel: Die Luft kann schnellstens verschmutzt werden, bis hin zu einem Zustand, an dem Atmen kaum noch möglich ist. Sie zu reinigen erfordert jedoch langwierige Maßnahmen und ist äußerst schwierig.
Wir sind also in der Lage, Zerstörung durch Unachtsamkeit und Mangel an Voraussicht und eben das Nicht-Berechnen-Können aller Einflüsse enorm zu beschleunigen.
Hingegen gilt immer noch, dass „gut Ding Weile haben will“, denken wir nur an Reifungsprozesse wie das Heranwachsen eines Embryos in der Mutter, an die lange Schulzeit bis zur Reifeprüfung zum Schulabschluss oder gar das Reifen von Weltbildern durch Erkenntnisse der Wissenschaft (Beispiel: das heliozentrische Weltbild, demgemäß sich die Erde um die Sonne dreht).
Selbst künstliche Intelligenz kann neue Ideen allein schnell erzeugen, ihre Bewährungszeit müssen diese dann aber in Auseinandersetzung mit der Umwelt durchlaufen. All das braucht Zeit.
Vielfalt bringt mehrere Möglichkeiten gleichzeitig auf den Weg und ist somit eine Zeitersparnis beim Sich-bewähren-Müssen. Sie zu fördern ist immer ein geeignetes Mittel, um für jeden im Voraus ahnbaren Wandel gewappnet zu sein.
Keinesfalls werden wir für alles ein Gegenmittel finden, dazu ist die Natur zu trickreich. Es bleibt für den Menschen auch unvoraussehbar, welche“Gegenspieler“ noch auftreten werden (mensch erinnere sich an die unerwartete Corona-Epidemie).
Es gibt keine andauernde Perfektion auf dem System Erde. Das was wir als Wertvollstes retten können, ist die Vielfalt, das sind die vielen Lottoscheine mit verschiedenen Zahlenkombinationen, wovon nur wenige zu gegebener Zeit „gewinnen“. Es gibt keine optimale Auswahl für immer.
Kraft und Stärke sind vergänglich. Ebenso flüchtig sind Schönheit und Intelligenz, die ohnehin nur das sind, was man als solche ansieht.
In Achtung dieser Möglichkeiten sollte lieber jeder sein eigenes Denken optimieren, indem er seinen Geist offen hält. Mind Up!