
Bildquelle: Von Giovanni Baglione – Giovanni Baglione, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19599477
Meine Muse
Weißt du, eigentlich bin ich ganz froh, dass du nicht mehr da bist. Unsere Beziehung war doch schon seit langer Zeit zu Ende. Sie hat sich dem gänzlichen Aus doch schon lange angenähert wie eine Asymptote ihrer Zielgeraden. Vielleicht hast du das nicht so intensiv gespürt wie ich, wie denn auch? Du warst ja immer noch auf Reisen und wurdest von aller Welt angefragt. Deine Fans blieben dir treu, meintest du. Hättest du ihre Briefe gesichtet, dann wäre dir vielleicht auch bei dieser Lektüre aufgegangen, dass deine besten Jahre schon lange zurück lagen.
Ich erinnere mich noch gern an den Anfang zurück, die Tage, wo du noch nicht der berühmte Schlagersänger warst, sondern die Plattenbosse noch zu Fuß abklappern musstest, weil du die erste Abfuhr, die du bekommen hast, darauf geschoben hast, dass der Boss dich in deiner Isetta hat anfahren sehen und es wohl peinlich fand. Vielleicht war es ja gar nicht so und lag doch an deiner Musik, oder den Texten, die er zu aufmüpfig fand. Aber ich liebte dich genau dafür, wir hatten uns ja gerade erst kennengelernt, und du hattest noch viel Zeit für das kleine Hippiemädchen mit den geblümten Schlaghosen, zu dem ich herangereift war.
Im Grunde hätte es mir schon bei deinen ersten Erfolgen auffallen können, dass da etwas ins Ungleichgewicht geriet zwischen uns. Und dass ich nicht das einzige nette Mädchen war, dem du hinterherfuhrst, so wie du auch mir langsam in deinem Gefährt hinterher rolltest, der Straße näher als meinem Gesicht, das nahm ich hin, so wie man es von Hippiemädchen erwartete. Ging mich ja auch erstmal gar nichts an. Du hast mich toll gefunden und mich bedichtet, das war famos. „Dunjaja“ ist auch mein Lieblingslied geblieben, auch wenn ich gar nicht so heiße und es auch auf fast jedes andere Mädchen gepasst hätte. Aber du sagtest, es sei nur für mich. Damit hattest du mein Herz erobert.
Du hast ja immer mitten aus dem Leben gedichtet, und darin warst du auch richtig gut. „Texte von Charlie Hirsch“, darauf warst du nicht zu unrecht stolz. Du gehörtest nicht zu denen, die sich ihre Musik von den Texten anderer untermalen lassen. Du wolltest Geschichten erzählen, Botschaften senden, das hattest du drauf. Wenn ich so an unser Leben denke, an unseren Lebenslauf, dann kann ich deine Lieder in einer Linie anordnen, so wie die Kugeln auf einer Perlenkette aus dem Kindergarten: sehr bunt, sehr verschieden, Muster, Größe, Farbe wild zusammengestellt und in Reihe gebracht auf einer Schnur namens Zeit.
Über deine Eltern hast du erst geschrieben, als sie sich ihrem Lebensende näherten, vorher gab es kaum eine Zeile für sie, obwohl sie doch so oft eingesprungen sind für die Betreuung unserer Kinder.
Das erste Lied zu deiner Kindheit war wohl „Ich hab es hinter mich gebracht!“. Den Refrain kann ich noch auswendig, wahrscheinlich weil die Musik so eingängig war, und Tausende von Fans es im Stadium mitgröhlten:
Ich hab‘ es hinter mich gebracht
vom Vater eine Prügeltracht
von Mutter eine geklebt
ein Lob gab’s nur für Kohlenklau
So hab‘ ich überlebt.
Darin beschriebst du die Nachkriegszeit, wie ihr immer auf Kohlenlaster aufgesprungen seid, um möglichst viel runterzuwerfen; die Kumpels sammelten die Brikette dann schnell ein und verdrückten sich damit. Das war abenteuerlich für euch Jungs, und niemand schritt dagegen ein, weil ja alle froren und Verständnis für euch hatten. Auch den Zug beschreibst du darin, in dem ihr rausgefahren seid, um beim Bauern Kartoffeln zu erbetteln, oder einzutauschen, oder eben zu klauen. Einmal waren sie mit Stöcken hinter euch her, aber ihr hattet Glück und konntet euch hinter anderen Fahrgästen verstecken, bis der Zug zurück in die Stadt fuhr. Nachträglich eine Abenteuergeschichte, die du da verarbeitet hast.
Meine Kindheit war anders. Wir Mädchen in der Kleinstadt trauten uns zu dieser Zeit kaum aus dem Haus, meine Mutter und meine Geschwister waren in einem fremden Haushalt untergebracht worden, weil unser eigenes Haus den Bomben zum Opfer gefallen war. Wir hätten gern auf der Straße gespielt, aber das ging ganz selten, weil dort Besatzer patrouillierten, die Frauen als Kriegsbeute ansahen und entsprechend mit ihnen umgingen. Unsere Mutter schwärzte sich immer das Gesicht, um als alte, nicht mehr begehrenswerte Frau zu erscheinen. Einmal nahm sie mich mit, um Tante Gisela zu besuchen. Als wir ankamen, wurden wir von Soldaten, die sich in ihrer Wohnung breit gemacht hatten, gezwungen zuzusehen, wie sie vergewaltigt wurde.
Dafür könnte ich keine Worte finden, bis heute nicht.
„Das Kino am Rande der Stadt“, das war dann das Lied zu deiner Jugendzeit. Du beschreibst darin, wie du beim Aufbau dabei sein durftest, als es auf den Grundmauern eines abgebrannten Hauses errichtet wurde. Seine ganze Geschichte hast du mitbekommen und verarbeitet, von der ersten Vorstellung an, für die ihr freien Eintritt bekamt. Danach nahm euch der erste Besitzer zwei Groschen ab, für die Kindervorstellung. Die nächsten bauten um, Polsterstühle, keine ersten Reihen mehr, dafür eine Loge, und das Eintrittsgeld erreichte den D-Mark-Bereich. Du warst fasziniert vom Programm, wärst am liebsten jeden Tag hingegangen, um in der ersten Reihe die erst noch schwarz-weißen, später bunten Bilder aus nächster Nähe zu bestaunen. Manchmal hattest du auch Glück, und ein Bekannter, der für’s Kartenabreißen zuständig war, ließ dich umsonst rein. Und selbst dem Bubble Gum, der für alle noch eine Neuheit war und den du dir immer im Vorraum kauftest, widmetest du eine Strophe:
Nur einmal konnt‘ ich selbst vorn nichts seh’n,
mein Bubble Gum klebte mir im Gesicht.
Die Blase zu groß, ein lauter Knall,*
die Leinwand nur noch durchbrochenes Licht,
da musste ich leider geh’n.
*Hier machten die Fans immer ein lautes „Paff“, was ihnen riesig Spaß machte
Du warst glücklich in dieser Zeit, und niemand zweifelt an deiner Trauer, als es mit dem Kino bergab ging, die Vorstellungen weniger wurden, als Fernsehgeräte zum Pantoffelkino wurden, bis der alte Saal schließlich einer Spielhalle weichen musste. So passten dann auch noch die letzten Zeilen in Moll:
Ich liebte es so, mein altes Kino,
das Kino am Rande der Stadt.
In dieser Zeit, in der wir uns noch nicht kannten, musste ich meine Berufspläne begraben.
Erst wurden wir jeden Tag an einen anderen Ort geschickt, um überhaupt unterrichtet werden zu können. Bald schließlich waren wir 50 Schüler in einem kalten Raum, der von den Jungs mit unseren mitgebrachten Holzstücken beheizt wurde, und als Papier benutzten wir Feldpostbriefe, die immer wieder zusammenklebten. Später kam ich auf eine Notschule im Pfarrhaus des angrenzenden Städtchens, mit 3 Klassen und einem engagierten Oberstudienrat, der den neu zu unterrichtenden Lehrstoff zusammentrug. Es blieb aber dabei, dass ich nach der Schule noch zuhause helfen musste: meine kleinen Brüder versorgen, Schuhe putzen, nähen, stricken, stopfen, heizen. Mein Tag endete meistens spät, für Schulaufgaben hatte ich kaum Zeit und schon gar keine Hilfe.
Mit 14 wollte ich Ärztin werden, aber mein magerer Schulabschluss reichte gerade noch so für eine Ausbildung zur Krankenschwester.
Dann zogen wir in die Stadt, und wir begegneten uns.
Mit Dunjaja kam dein erster Erfolg, du wurdest bekannt und schließlich hieltest du um meine Hand an. Aber du konntest nicht tanzen und weigertest dich, es zu lernen, ganz anders als mein erster Freund Joachim, mit dem ich noch zusammen war und der entsetzlich eifersüchtig wurde, als ich ihm von deinem Antrag erzählte. Ich glaube, das war es, was mir Angst machte und warum ich die Verbindung löste, um in deinen Armen geschützt zu versinken. Dass du mich wolltest, daran hatte ich keinen Zweifel, schließlich ließest du mich ja an deinen Kompositionen teilhaben, weihtest mich in die hintergründigsten Geheimnisse darin ein, so dass ich mit deinem Leben vertraut wurde wie kein zweiter Mensch. Zumindest dachte ich das. Heute halte ich es für möglich, dass dir an mir vielleicht weniger lag als daran, Joachim zu besiegen. Du hattest diese kaum merkliche Eigenschaft, andere gern ins Aus zu spielen, vielleicht ja weil du noch diesen Komplex hattest, dass dein Vater immer auf der Seite deines Bruders gewesen war, weil der sich Ansehen beim Fußball erworben hatte, womit du nicht mithalten konntest. Im Tanzen konntest du nicht mit Joachim mithalten, an Rock’n Roll war gar nicht zu denken, nicht einmal an den weniger wilden Swing, den ich liebte. Aber von deinen Texten konnte ich auch nicht genug bekommen. Als du anfingst, mich „meine Muse“ zu nennen, bekam ich das Gefühl, dass wir untrennbar miteinander verbunden wären und es auch immer sein würden. So sagte ich Ja und wir heirateten.
Dass wir ohne mein Gehalt als Krankenschwester gar nicht ausgekommen wären und das ja vielleicht auch ein Grund für deinen Antrag war, fiel mir damals gar nicht auf. Wir waren „arm, aber glücklich“, ganz so wie es in den alten Rühmann-Filmen propagiert wurde. Und da du fleissig an deiner Karriere weiter arbeitetest, dir einen kontinuierlich größer werdenden Fankreis erschließen konntest, mussten wir auch nicht übergebührlich lange in unserer ärmlichen kleinen Behausung leben. Gerade rechtzeitig vor Eintreffen unseres ersten Kindes bekamst du deine erste Goldene Schallplatte.
Die Folgezeit wurde anstrengend, vor allem für mich. Deine Hits wurden immer beliebter, und du begabst dich nun öfter auf Reisen, jedes Jahr mindestens eine Tournee, mal kürzer, mal länger. Ich hatte indessen meinen Beruf aufgegeben, um mich um die Kinder kümmern zu können. Nach dem dritten, Markus, war ich sehr froh, dass die Pille erfunden worden war. Markus war ein behindertes Kind, er kam ohne Unterarme auf die Welt und machte uns erst einmal ratlos. Ich war dir damals sehr dankbar, dass du mir geholfen hast, alles für ihn zu managen. Es war nicht leicht, eine passende Schule für ihn ausfindig zu machen. Aber mittlerweile hattest du ja Beziehungen, bis hin zum Schulsenator, der zwar immer etwas Unkorrektes in deinen Texten fand, so wie das berühmte Haar in der Suppe, aber doch ein großer Fan von dir war, weshalb ich ihn dann auch ab und zu einladen sollte. Für Markus erwies sich das als gut, denn der Herr wusste eine passende Schule, die nicht auf Abkanzelung, sondern auf Integration von Behinderten setzte, auf gemeinsamen Unterricht. Das war noch nicht selbstverständlich.
Deine Einladungen aber, von Leuten mit mehr oder weniger Einfluss, die dich gern kennenlernen wollten, kosteten mich viel Energie. Du führtest ihnen gern unser heiles Familienleben vor, so auch mich als deine Muse, die dich ja zu den eingängigsten Texten inspirierte, in denen sich die normalen Bürger wiedererkannten mit all ihrem Freud und Leid. Die Haushaltshilfe, die du mich haben ließest, wolltest du unbedingt mit aussuchen. Nicht selten übernachtete sie bei uns, ohne mich zu fragen. „Rosa putzt bei uns“, das war das Liedchen, das du ihr zudichtetest. Es war weit mehr als das Putzen und hörte erst auf, als ich ihren Grippe-Ausfall dazu nutzte, eine männliche Aushilfskraft einzustellen, einen fleissigen jungen Mann aus Ghana, du gabst dich ja Zuwanderern gegenüber immer als sehr liberal. Da warst du gerade auf Tournee.
Vielleicht wolltest du Rosa schmeicheln, als du dichtetest:
Und hab ich mal wieder morgens verpennt,
dann weckt sie mich auf mit Putz-Temperament.
Für’s Weiterschlafen gibt’s dann keinen Grund.
Denn Rosa putzt bei uns.
Statt „Rosa putzt bei uns“ hättest du das Lied wohl auch „Putzfimmel am Pimmel“ nennen können. Aber so direkt trautest du dich doch nie, deine Erlebnisse zu verdichten.
Als Erwiderung könnte ich einen Text nachreichen, der so ginge:
Und wer hier wirklich sauber macht,
das ist der Mann aus Afrika.
Du gingst mit Rosa auf die Yacht,
doch er war immer für mich da.
Vielleicht hätte eine solche Ergänzungsstrophe uns noch als Anker dienen können, für ein familientherapeutisches Gespräch. Aber vielleicht war unsere Beziehung auch schon zu angeknackst damals, als dass man noch wirklich etwas hätte retten können. Wir lebten miteinander wie Segler auf der Oberfläche eines tiefen Meeres, immer öfter getrennt durch überbordende Wogen.
Als du dann noch die Sache mit dem Unfall in ein Lied pressen musstest, ich hatte dich vor dem Spott in den Zeitungen gewarnt, verlor ich jede Achtung vor dir und damit die Liebe, die uns dereinst aneinander gebunden hatte. Markus war 18 geworden und hatte sich unser Auto ausgeliehen, ohne dich vorher zu fragen, unser Auto. Du hattest ja längst schon ein eigenes.
Ich glaube, dein Lied war ein Vorwurf an ihn, den du ihm direkt gegenüber nicht auszusprechen wagtest, wahrscheinlich im Wissen darum, dass es nicht seine Schuld war, dass er vom Straßenrand gedrängelt wurde. Er hatte seinen Führerschein und eine Lenkeinrichtung, die ihm ein ganz normales Fahren ermöglichte. Eher war es mal wieder deine gekränkte Eitelkeit, dass er von seinem Vater keine Fahrerlaubnis eingeholt hatte, die dich „Car crash“ schrieben ließ:
Hättest du nicht den Wagen probiert,
dann wäre nie etwas passiert.
Du wolltest über Grenzen gehen,
du wolltest dich ausleben.
Doch für die Sanis war’s nicht schön,
dich aus dem Graben zu heben.
Ooh, car crash, so ein Pech.
Zynischer kann man seinen Sohn kaum fertig machen. Damit warst du für mich zum Arschloch mutiert.
Wir hatten nur noch ein Geschäftsverhältnis: Ich leitete deinen Fanclub, und du bezahltest mich dafür. Du bezahltest mich gut, denn nach wie vor gehörte es ja auch zu meinen Aufgaben, nach außen das Bild einer heilen Familie vorzugaukeln, in der es höchstens ein paar kleine Streitereien gab, die du natürlich auch in deinen Liedern verarbeitetest, gewürzt mit etwas Spätromantik. Wie lieb es von dir klang, als du von meinen Falten berichtetest, die dir unsere glücklichen Jahre vor Augen führten. Hättest du den Zustand deines Gesichtes bedichtet, über die vom Rauchen gelb gefärbten Zähne geschrieben, über die Herpesnarben, deren Zahl nach jeder Tournee zunahm oder über dein lichter werdendes Haar, für das du viel Schmerz in Kauf nahmst, um es durch eine kostspielige Haartransplantation zu kaschieren – natürlich musste ich die Rolle der Trösterin übernehmen, die dein eitles Ego wieder stärkte – es hätte weit weniger romantisch geklungen.
Ich habe dein Spiel mitgespielt, weil ich keine Alternativen für mich sah, zu wenig Zeit fand, sie sehen zu können. Vielleicht verstelltest du mir die Aussicht. Rosa und Joseph waren längst weg (ich glaube, nicht zusammen), und du wolltest keine Neueinstellungen mehr, lieber mehr Ruhe, sagtest du. In Wirklichkeit hattest du vor, noch einen neuen Porsche zu kaufen, und ich hätte für eine Hilfe allein von meinem Konto zehren müssen. Aber der Haushalt machte sich nunmal nach wie vor nicht von allein, und der Anblick eines Besens jagte dir Angst und Schrecken ein, dem ich dann tapfer begegnete. Gut, dass die Kinder mittlerweile ausgezogen waren, und wir deine immer seltener kommenden Besucher nunmehr in nur einem einzigen Zimmer empfingen. Die Hausführungen überneugieriger Reporter hatte ich dir ausreden können, vielleicht ja auch, weil ohnehin kaum noch einer Interesse zeigte. Dein Ruhm verblasste, du merktest es kaum, und ich hielt diese Wahrheit zurück, ein letztes Tröpflein Liebe vielleicht.
Du durftest noch die Geburt unseres ersten Enkelkindes erleben, die kleine Marie. Du warst vernarrt in die Kleine, aber als wir sie das erste Mal eine ganze Woche zu uns nehmen sollten, merktest du auf einmal, dass Kinder Arbeit machen. Du hast es auf dein Alter geschoben, dass dir beim Zoobesuch schon nach einer Stunde die Beine wehtaten, so dass ihr schneller als geplant wieder nach hause kamt, was Marie sehr traurig machte. In Wirklichkeit aber lief deine Lieblingsfernsehserie, die du nicht verpassen wolltest. Und so warst du froh darüber, dass ich sie dir abnahm.
Immerhin kam dir dann die Idee, auch deinen Eltern mal ein Lied zu widmen:
Liebe Eltern, ich denke an euch.
Ich steh an eurem Grab,
bemerk, die Zeit ist schnell verfleucht,
seit wir zusammen auf Trab.
Vereint in Liebe, die ihr uns gabt,
uns Kindern und später den Enkeln,
hat jeder von uns es gut gehabt,
fand Platz auf eurem Bänk’l.
Ihr brachtet uns durch mit gemeinsamer Kraft.
Heute frage ich mich, wie ihr das geschafft.
Heute frage ich mich, wie ihr das geschafft.
Die rosigen Zeiten, sie neigen sich nun.
Kein Mensch ist gefeit vor dem Alter.
Es gibt reichlich und gleichzeitig nichts zu tun.
Verschwunden der Jugendzeit Falter.
Ihr brachtet uns durch mit gemeinsamer Kraft.
Heute frage ich mich, wie ihr das geschafft.
Heute frage ich mich, wie ihr das geschafft.
Das Leben wird leer.
Hier versäumt man nichts mehr.
Und doch, liebe Eltern,
dank‘ ich euch sehr.
dank‘ ich euch sehr.
dank’ ich euch sehr.
Im Grunde war es ein Lied voll Selbstmitleid, aber es klang so schön melancholisch, dass du es damit noch einmal in die Charts schafftest. Du wurdest interviewt, durftest sogar nochmal in der Schlagerparade im Fernsehen auftreten, passenderweise am Totensonntag. Das ließ deine Eitelkeit nochmal aufblühen als letzte Erinnerung an vergangene Pracht. Die Maskenbildner hatten viel zu tun, deinem Gesicht noch etwas Jugendliches zu geben. Aber es klappte, und man sah dir auch deinen Alkohol-Konsum nicht an. Noch vor dem Jahreswechsel, an dem du zünftig dein Comeback feiern wolltest, hat er dich dahingerafft. Ich hatte schon lange damit gerechnet, gab dir noch Warnzeichen, doch deine Therapie-Resistenz war stärker.
Ich brauchte ein Weilchen um mich umzustellen, ein bisschen Trauer war auch dabei. Mariechen sah wirklich bedrückt aus, als wir dich beerdigten, hat dir noch ein Bild gemalt, das dir der Leichenbestatter mit in den Sarg legte. Danach fanden wir schnell ins Leben zurück, die Kinder zuerst, sie hatten ja ohnehin nicht mehr viel von dir mitbekommen und freuten sich nun über die Einnahmen deines Comeback-Titels. Ich hatte noch ein paar sehr ruhige Momente zu überwinden, in denen ich in die Stille sprach, mit dir, aber du antwortetest nicht, so wie du dich auch vorher schon immer vor Antworten gedrückt hattest, als du noch lebtest.
Schließlich begann ich Freiheit zu spüren, ich hatte ein Zeitreservoir gewonnen, das ich mit neuen Hobbies füllen konnte, und alsbald begann ich, mein Alleinsein zu genießen. Doch was heißt schon allein, wenigstens war ich vorher klug genug gewesen, mir einen eigenen Freundeskreis aufzubauen. Wenn du wüsstest, wie oft beim Bridge über dich gelästert wurde. Nach deinem Ableben wurde es seltener (aus Rücksicht auf mich), aktuell nutzt man ein paar Anekdoten als Strategie, die Mitspielerinnen aus dem Konzept zu bringen. Manchmal heize ich das Ganze noch ein bisschen an.
Am meisten freue ich mich darüber, jetzt viel Zeit zum Schreiben zu haben, reale und erfundene Geschichten, einige über uns. Jetzt bist du meine Muse.
Und weißt du, was das Allerbeste daran ist?
Du kannst dich nicht mehr dagegen wehren!